Zugwandern
Mit der Kulturbahn durch den Nordschwarzwald an den schönsten Wanderungen vorbei - Monbachtal, Hirsau, Bad Teinach und Calw.
Weihnachten ist vorbei. Nur der Besuch bei meiner Mutter am Bodensee steht noch an. Für diese Besuche habe ich das Deutschlandticket abonniert. Langsam aber schön fahren. Schön spät ankommen. Ein:e gute:r Gast bleibt nicht zu lange – leave while they are still laughing. Also keine Eile – ich bin nicht auf der Flucht.
Um von Pforzheim nach Gaienhofen an den Bodensee zu kommen, bietet sich der RB 74 nach Horb an.
Am Bahnhof soll ich zu Gleis 103 – Pforzheim braucht so viele Gleise? Dort steht sie in glänzender Sonne: rot, klein, niedlich und sie heißt Kulturbahn. Das passt. Nach drei Tagen Esskultur ist Abwechslung schön. Das Fest der Liebe war für mich zwiegespalten. Familiäre Bindungen zu stärken hat nicht so geklappt. Ich hing mit einem Hexenschuss in den Seilen.
Mein geplanter Höhepunkt der Festlichkeiten – eine Wanderung zwischen Zeutern und Odenheim – fiel wegen Rückenschmerzen aus. Also half nur Essen und Trinken.
Bleibt noch Zugwandern. Meine Kulturbahn schleppt sich durch Pforzheim ins Nagoldtal. Ab hier wird es spektakulär. Wir zockeln im Schneckentempo an der Nagold entlang. Wiesen vom Raureif bedeckt; steile Felswände; Hänge mit toten, abgestorbenen Tannen und Fichten. Die Auswirkungen der Klimakatasprophe. Mir fällt dazu der Winterfeld Schokoladen ein. Dessen Besitzerin hatte mir letztens erzählt, dass die Saison für Schokolade sich immer weiter verkürzt. Inzwischen geht der Sommer in Berlin bis Ende September, und im Sommer isst niemand Schokolade. Für Eis ist die Konkurrenz zu groß. Bleibt nur das Hoffen auf einen harten Winter. Klimawandel und seine Einflüsse auf das Schokoladenbusiness. Glaubt man Trump, Musk, AfD & Co. - wenigstens natürlichen Ursprungs. Wahrscheinlich Fake News.
Zurück zum Nordschwarzwald: Es gibt auch gesunde Bäume an der Nagold entlang; der Fluss wird zum Bach und immer wilder. In dem Tempo, in dem wir fahren, könnte ich auch laufen. Zugwandern eben. Auch ohne GPS möglich. Verfahren geht auf Gleischen schlecht. Hauptsache, Kopfhörer und Musik sind dabei. Ich höre Franz’ jährliche XMas-Playlist und freue mich über die Erinnerung an meinen alten Freund. Mit Franz gab es früher noch den Vinylclub in der Obentrautstraße. Inzwischen wohnt er auf der Schwäbischen Alb und statt Vinyl hören wir unsere Playlists zum Jahresende. Musik verbindet.
Einer der ersten Stops ist Monbach. Die Wanderung im Monbachtal ist als eine der spektakulärsten Wanderungen im Nordschwarzwald bekannt. Demzufolge auch besser nicht an Feiertagen zu bewandern. Im Regen oder bei Schneefall ist man allein aber gefährdet. Man muss viel am Monbach entlang klettern. Die Steine sind mossbewachsen, rutschig und der Fluss auch im Sommer kalt. Aber wer sich nicht in Gefahr begibt, kommt darin um (Wolf Biermann). Verlaufen kann man sich nicht – einfach den Monbach hoch und runter.
Der Zug fährt an der Wanderung vorbei. Nächster Stop: Bad Liebenzell: Hier waren wir in den 80ern Schlittschuhlaufen. Wer nicht wandern will. Die Eisbahn gibt es immer noch. Danach Hirsau mit seinem mittelalterichen Kloster. Auch hier lässt es sich sehr gut wandern. Zum Beispiel: Hirsau – Bruderhöhle – Oberkollbach.
Dann Calw – dort waren viele meiner Freunde in den 80iger Jahren stationiert. In der Militärstadt Calw ist auch das KSK stationiert. Das macht es nicht attraktiver. Man kann zu Fuss über die schönen Wanderwege in alle Richtungen fliehen. Ich bleibe im Zug. Nächster halt Bad Teinach: ein charmantes Heilbad. Bekannt für seine heilenden Quellen und seine idyllische Lage. Es gibt eine schöne Therme und unter vielen Wanderungen auch eine zur Burg Zavelstein. Heute nicht. Weiter geht´s mit meinem Bummelzug. Ich genieße die Langsamkeit und sinniere über´s Zug fahren. Mehr räumliche und zeitliche Flexibilität als mit dem Deutschlandticket ist eigentlich kaum denkbar. Nur Zeit ist wichtig. Schnelles Ankommen? Schnell statt schön fahren? Ist Ankommen reizvoller als Fahren? Nur Fahren oder trotz Fahren etwas machen? Für mich heißt Regionalbahn pure Entschleunigung. Fahren, sehen, denken, Musik hören.
In Horb ist damit Schluss. Ich steige in den IC nach Konstanz, der hier als Regionalbahn zählt und den wir Deutschlandticketfahrer:innen nutzen dürfen. Kaum geht es schneller, ist alles schlechter. Zu schnell zum Schauen, zu voll zum Denken – Musik geht noch. Kendrick Lamar - Franz uns sein Hip Hop. Und die schnellen Züge haben immer Verspätung. Am Ende muss ich in Radolfzell meinem Bus hinterhersprinten. Dann lieber die Kulturbahn – immer langsam. Kann gar nicht zu spät ankommen.
In Gaienhofen komme ich dann noch früh genug an, um den See und Steckborn zu sehen.
Zum Verhören: Franz XMAS 24 Playlist:
Zum Verlaufen:
Alle Tourendaten sind aus den Rother Wanderführern, die ich uneingeschränkt empfehle. Es gab noch keine Wanderung, die nicht toll war. Und verlaufen habe ich mich trotzdem immer.