Die volle Packung Kultur
viel erinnert, viel gesehen - viel zu lesen.
Tag 1
Kreuzberg 61 - Donnerstag 19. November 2024. Regen, 12 Grad, Grau - ich trete auf die Obentrautsstrasse. Alles sauber, alles sicher. Selbst Münchener fühlen sich hier heute wohl. Unser Frauenhaus ist schon lange Geschichte. Der alte Drogenumschlagplatz gegenüber? Jetzt ein Spiel- und Bolzplatz. Anfang der 2000er war die Obentrautstrasse eine der heruntergekommensten Strassen Berlins. Tiefrot auf der Karte der Wohngegenden. Heute sind wir reich, aber nicht sexy.
Kurz vor Weihnachten - ich bin wieder fix und fertig. Keine Ahnung, ob das am Jahresende liegt oder mein Dauerzustand wird. Nach Weihnachten weiß ich mehr. Im Büro gibt´s nichts Tolles - vielleicht hilft Kultur.
Lotta begleitet mich zum Frühstück. Wir kommen nach einigen Metern zum ersten kulturellen Kleinod - dem Gretchen. Ein Club, den der Kultursenator bislang nicht auf dem Gewissen hat. Noch keine Partygänger um diese Uhrzeit, aber der Parkplatz der LPG quillt über vor Lastenrädern.
Links, rechts und wir sind am Halleschen Haus. Alles nur in Englisch. Croissants und Kaffee schaffen wir - Lotta kennt sogar Oat Milk. Für mich geht es allein weiter. Ich radele Richtung Westen. 200 m weiter - Ecke Möckernbrücke/Tempelhofer Ufer muss sich der Kulturinteressierte entscheiden: schräg gegenüber das Hau. Früher unser liebster Biergarten. Heute immer noch Theater. Aber es ist zu früh. Ich bin auch noch in meiner Theater Annäherungsphase. Über eine offene Probe hinaus hab ich es in diesem Jahr nicht geschafft. Geradeaus - das Tempodrom. Nick Cave habe ich dort gesehen - auch zu früh. Daneben das Liquidrom - keine Badesachen dabei. Links - das Technikmuseum. Aufgrund meiner technischen Begabung habe ich Jura studiert. Dahinter Biergärten - Brlo und Jules. Das Wetter ist zu schlecht für Bier im Garten. Ist auch erst 10.00 Uhr. Ich entscheide mich für nichts und fahre gerade aus weiter.
Am Tempelhofer Ufer 32 mache ich eine Vollbremsung: "Musik ist eine Waffe". Hier war die WG von Ton Steine Scherben. Keine Hausbesetzer mehr in Sicht. Sind jetzt alle Eigentümer. Die Scherben haben sich schon 1986 aufgelöst und sind auf´s Land gezogen. An damals erinnert eine Plakette. Heute? Galerien, Verteidigungsministerium, Hostels.
Ich überquere die Straße. Halte mich links auf dem Pop Up Radweg aus der Corona Zeit. Wider Erwarten reichen 2 Fahrstreifen für die Autos. Aber unsere Verkehrssenatorin prüft das - radfahren ist gefährlich. Mit dem Auto kann man 50 fahren.
Ich radle trotzdem langsam. Stoppe schon wieder abprupt. Genau gegenüber von Rio Reiser ist auf der anderen Seite des Landwehrkanals der alte Kommunikationsbunker. Kriegserinnerung statt linker Szene. Ich sehe ein kleines Schild "Feuerle Collection". Kurze Recherche - chinesische Möbel - super - ich buche für morgen. Die Packung muss voll werden. Ein Haus weiter ist die Direktion von Boros. Ich habe schon für Samstag mit Lotta einen Besuch im Boros Bunker ausgemacht - von Bunker zu Bunker.
Die nächsten 500 Meter sind kulturlos. Verlaufen kann man sich aber auch nicht. Es geht immer geradaus bis zum Potsdamerplatz. Nächster Stop? Keine Ahnung, ob das Kultur ist?
Für mich heute nicht - ich fahr weiter zur neuen Nationalgalerie. Schönes Haus, schöne Bilder.
An der Ecke Potsdamer Strasse/Reichspietschufer gibt es Kultur en masse - Kulturforum mit der Gemäldegalerie, Matthaikirche, Philharmonie und die Baustelle für berlin modern. Eine Scheune, die die Sicht auf die Nationalgalerie versperrt.
Jedenfalls hat man hier die freie Auswahl. Ich entscheide mich wieder für Nan Goldin in der neuen Nationalgalerie.
Hier fühle ich mich zu Hause. In den stockdunklen Räumen verläuft sich jeder und überall ist´s schön.
Marc hat gestern gemeint, ich sei sprunghaft - eine Person oder ein Verhalten, das sich häufig und unerwartet ändert. Impulsiv gehe ich in den nächstbesten Pavillion und finde ich einen Sitzplatz. Die anderen stehen. Planen noch am Eingang.
Ich bin in "The Ballad of Sexual Dependency" gelandet. Alle sind schön und die meisten tot. Aids. Ich frage mich, ob ich in den 90igern in Frankfurt auch schön oder nur so fertig aussah. Die Bilder erinnern mich an die Intimbar, das Romantica oder dem Lissania in Frankfurt Anfang der 90iger. Alex und Frank - auch tot. Alles schön, aber traurig.
Apropos schön: Nan Goldin hat Christine Fenzl (unsere Fotografin und frühere Assistentin von Nan Goldin) gezeigt, wie man aus schönen Menschen sehr Schöne und aus den übrigen schöne Menschen macht. Das Ergebnis sieht man auf unserer Website. Ziemlich berührt - vielleicht ist das auch das prognostizierte Mitgefühl mit mir selbst -verabschiede ich mich in den Regen.
für mich wird alles gut - ich habe einen Termin bei Guru Schneider.
Exkurs:
Spielkultur: die Kunst aufräumen zu lernen
Lotta versucht am Abend mir die Kunst aufzuräumen beizubringen. Lotta gewinnt immer. So lerne ich es nie. Wenigstens spiele ich Memory.
Wanderkultur: Grünen Berliner Hauptweg Nr. 1
wer es eher mit Wanderkultur hat, läuft von hier den Grünen Berliner Hauptweg Nr. 1 nach Spandau über Schloß Charlottenburg, die Waldbühne und durch 4 Naturschutzgebiete. Dauert ca. 4 Stunden und ist spektakulär.
Tag 2:
Tag 2 - 16:55 Uhr, Dunkel, zu warm für Dezember. Ich radle zu meiner Verabredung - der Feuerle Collection. Vor dem Bunker. Allein. Stockduster - ich finde nicht mal die Klingel. Dann kommt eine weitere Besucherin und eine Asiatin, die aufsperrt. Kaum drin. Tür zu. Wir sollen unsere Sachen einschließen. Kein Handy darf mit rein. Ich nehme wie befohlen die Treppe nach unten. Rechts neben mir hängen lange Ketten. Als Spezialist für harte Krimis weiß ich sofort, wofür die Ketten sind. Ich schaue mir alles genauer an. Meterdicke glatte Wände. Kein Laut. Hohe unereichbare Decken. Hier käme auch Jack Reacher nicht raus. Und ich bin nur der Doppelgänger. Die Frau und eine andere Asiatin kommen die Treppe herunter. Doch nicht gefangen? Oder wir alle? Die Asiatin erklärt uns die Sammlung. Wir sind in einem alten Kommunikationsbunker aus dem zweiten Weltkrieg. Das Ehepaar Feuerle hat den Bunker 2016 erworben. Gezeigt werden Khmer Skulpteren. Chinesische Möbel. Einige zeitgenössiche Kunstwerke. Hier geht es um Kunst erfahren. Es gibt keine Information zu den einzelnen Werken. Sie stehen als Gesamtkonzept in den riesigen Räumen. Man fühlt mehr als das man erkennt. Wissen ist irrelevant. Zur Vorbereitung müssen wir 3 Minuten in einen schwarzen Raum, in dem man John Cage´s Töne hört. Doch das Schweigen der Lämmer? Dann darf man durch einen helleren Eingang in die Kunstwelt.
Ich will nichts verraten. Chinesische Möbel und Khmerfiguren interessieren mich jedenfalls nicht. Die Feuerle Collection ist aber eine meiner schönsten Kunsterfahrungen. Und nicht die letzte. Ich bin heil raus gekommen.
Mal ein Positivbeispiel für Sprunghaftigkeit. Wer will schon immer wissen, wo und wann man landet. Mir reicht es, da zu landen, wo es schön ist.
Es ist wieder ein Tag voller Hochs und Tiefs. Nach dem Hoch der Feuerlein Collection geht es ins Pop. Für mich das letzte Konzert im alten Pop in der Yorkstraße. Den Pop e.V. (der Verein zur Förderung der Popkultur) haben wir 2015 gegründet. Die Miete vom alten Pop Plattenladen war so gestiegen, das er hätte schließen müssen. Wir wollten mit unseren Mitgliedsbeiträgen und Konzerten den Laden retten. Die Gentrifizierung konnten wir nicht aufhalten. Der Pop ist in die Yorkstraße gezogen. Jetzt wird der Verein weg gentrifiziert. Vinyl ist in. Der Plattenladen läuft. Für uns gibt es keinen Platz mehr. Also geht das Kapitel in der Yorkstrasse jetzt zu Ende. Also wieder raus in die Nacht - es regnet.
Tag 3
Samstag, 10.00. Weiterbildung mit Charles Willeford. Miami Blues. Ich begleite Detective Mosley zur Miami Dade University. Literaturvorlesung. Es geht um Haiku.
weihnachtliche Zugfahrt
in den Süden zum Feiern
schnell zurück nach Haus
Der Experte erkennt sofort - 5/7/5 Silben und ein alles durchdringender Gedanke.
Aus mir wird kein Meister. Geht auch nur auf japanisch. Morgen fahren wir nach Pforzheim. Also wie jeden Samstag: aufräumen. Um 15.00 sollen wir im Boros Bunker sein. Wir schaffen es sogar. Obwohl ich eher an den Südstern als in die Reinhardsstrasse gefahren wäre. Dort ist der alte Gasometer. Also fast Bunker. Lotta hat mich auf den richtigen Weg gebracht.
Der Boros Bunker ist das Gegenteil von der Feuerlein Collection. Kunst erklären statt Kunst empfinden. Ich verstehe nichts - außer dem Hinweis, dass man bei der Gruppe bleiben soll. Verlaufen verboten! An jeder Abzweigung fängt mich Lotta wieder ein. Kein Abenteuer möglich. Ich weiß schon, warum ich lieber ohne Führer laufe. Auch im Bunker. Schnell wieder zurück nach Kreuzberg.
Das war an einem anderen Tag - aber in Kreuzberg
Also: Kultur hilft immer!
Aber jetzt ist erstmal Schluss mit kulturellen Abenteuern. Morgen fahren wir in den Schwarzwald. Wandern!
Musik ist eine Waffe Nan Goldin Christine Fenzl Feuerle Collection POP Der Plattenladen Charles Willeford Boros Bunker
Auch toll: habe ich in Potsdam beim Lotta abholen gefunden