Winterstaude
Wer es richtig machen möchte, nimmt de Wandertour über den Hasenstrick auf die Winterstaude (1877m). Wer es eher falsch mag, der läuft wie ich. Immer steil nach oben an den schönsten Wegen vorbei.
Lindau, 2 Mai 2025. Gerade aus Kroatien zurück. Mein Vater holt mich in Memmingen ab und sinniert vor sich hin. Heute - in den modernen Zeiten - könn man an einem Tag in Dubrovnik starten, in Memmingen zwischenlanden und dann noch nach Pisa fliegen. Unfassbar! Ich überlege, seit wann es Billigflieger gibt. Ryan Air fliegt seit 1982 und von Memmingen starten sie seit 2009. Na ja, früher war alles besser - ich weiß schon.
Ich bin mal wieder zurück in Lindau auf dem Dachboden, wo ich viel Zeit als Student in den 90igern verbracht habe. In den letzten Jahren lag Lindau nicht mehr auf meinem Weg so schön es auch ist. Schon wieder war früher alles besser. Aber ich bin auf dem Weg zurück. Heute sehe ich im Sonnenschein den schneebedeckten Säntis über dem Bodensee. Mal sehen, welche Wanderung, wir heute machen.
Wir entscheiden uns für die Winterstaude. Also auf in den vorderen Bregenzerwald nach Bezau. An der Bergbahn in Bezau stehen die Wanderer in der Sonne Schlange. Auf dem Wanderschild daneben steht “Winterstaude 3 1/2 Stunden”. Mein Vater meint auch - laufen sei besser.
Über mir kreisen die Paraglider in der Sonne, während ich den gut ausgebauten steilen Wanderweg nach oben gehe.
Ich wundere mich, warum niemand läuft und alle lieber in der Schlange stehen. Vielleicht hätte ich mich mit den Einheimischen abstimmen sollen. Aber fragen finde ich blöd. Lieber ausprobieren. In den letzten 56 Jahren hat sich allerdings gezeigt, dass diese Einstellung nicht immer zum besten Ergebnis führt. Siehe heute. Der asphaltierte Forstweg wird immer steiler. Trotz Schatten läuft mir der Schweiß in Strömen in die Augen und den Nacken hinunter. Bergbahnfahren wäre sicherlich eine Option gewesen. Dafür ist es gut zum Nachdenken. Mir steht am Sonntag die nächste Wanderung bevor - dann in Würm. Da heißt es - warm anziehen und gut vorbereiten.
Pause: 500 Höhenmeter in 44 Minuten auf 2,5 km.
Es geht weiter steil nach oben, über Almen, immer mit schönem Ausblick - aber steil.
Der letzte Anstieg ist richtig schmerzhaft. Schöner Weg. Schöner Ausblick. Weites Panorama - und so steil, dass ich aufpassen muss, nicht hinten über zu kippen. Die letzten Meter sind dann wirklich ein Pfad.
Das war das, was dieser Wanderung bislang gefehlt hat. Kurz vor dem Gipfel erreiche ich den Grat, dem ich dann links folge. Rechts geht es in den Abgrund. Schwindlig wie es mir ist, bin ich Nahe am Ende dieser Geschichte. Ich schaffe es zum Gipfelkreuz.
Auf dem Gipfel hat man einen super Blick über den Bodensee, das Allgäu und die Bergketten des hinteren Bregenzer Waldes.
Ich laufe jetzt weiter Richtung Bergstation der Bergbahn. Jetzt wird der Weg immer reizvoller. Ich muss klettern. Der Weg ist teilweise gesichert. Nichts mehr Asphalt. So stellt man sich Wandern vor. Hier kommen mir dann auch die Wanderer aus der Schlange vor der Bergbahn entgegen. Alle gut gelaunt und nicht verschwitzt und vor allem aus der anderen Richtung. Wahrscheinlich war mein Weg die Erstbesteigung der Winterstaude über die Westwand.
Ich komme zum Startplatz der Paraglider - genieße die Ausblicke. Links und rechts geht es spektakuläre Pfade hinunter. Ich bin leider zu spät für Experimente. Mein Vater ist Bergbahn gefahren und versucht sich am Panoramaweg und wir sind verabredet. Leider verpassen wir uns dann doch. Ich hätte auch die Kletterpfade nehmen können. So laufe ich unter der Bergbahn wieder die Straße hinunter, entscheide mich noch für ein paar falsche Wege und treffe meinen Vater am Parkplatz, wo alles angefangen hat.
Meine Wanderung ist Mist und nur für´s Höhentraining gut. Mit der Bahn nach oben und dann dort wandern ist idyllisch und auf jeden Fall zu empfehlen. Der Panoramaweg ist leicht und auch mit Kinderwagen zu begehen. Ich komme jedenfalls zurück und mache das dann richtig. Früher ist dann nicht mehr alles besser.