Kanisfluh
Kanisfluh statt Mittagsspitze. Die besten Entscheidungen trifft man aus Versehen. Eine schöne anstrengende Wanderung - Verlaufen ist unmöglich, wenn man weiß, wohin man will.
Lindau, Freitag, 8. August 2025, bei strahlendem Sonnenschein. Wandern – das erste Mal seit Langem. Ohne Milou, die in Sizilien ist, macht es eben nur halb so viel Spaß. Aber in 2 Wochen ist sie wieder bei mir, was den Blog sicher wiederbelebt. Heute ist es jedenfalls, trotz morgendlicher Eskapaden, die schon Kraft gekostet haben – unter anderem hat das M. zugeschlagen, wieder soweit.
Die Tour, die mein Vater empfohlen hat und auch Rother toll findet: Mellau – Mittagsspitze – Damüls und dann mit dem Bus zurück nach Mellau.
Also los – auf die Autobahn durch den Pfändertunnel bis zur Ausfahrt Bregenzerwald: die Strecke, die noch mautfrei ist. Wir folgen der Ach in den Bregenzerwald Richtung Bezau. Rechts neben uns die schmalen Gleise der ehemaligen Bregenzerwaldbahn, die sich spektakulär durch das Tal nach oben windet. Wir kommen leider nicht dazu, das Wälderbähnle zu fahren – ein Teil davon wird zwar noch als Museumsbahn genutzt - aber wir wollen laufen statt fahren. Stattdessen folgen wir der Käsestraße – vorbei an Käseautomaten, Geschäften mit lokalen Spezialitäten und kleinen Bauernhöfen, die ihren eigenen Käse verkaufen. Wir halten und kaufen unser Picknick: Bergkäse und Albzieger - ein etwas ekelhaft aussehendes Gemisch aus Ziegenmolke, Bockshornklee und Kümmel. Der Albzieger wir nur noch in drei Almen hergestellt wird (wahrscheinlich nicht ohne Grund). Die Sennerin erklärt uns, dass sei perfekt für Sportler. Sie hätte auch sagen können, perfekt für untertrainierte Wanderer aus Berlin, wir hätten es sowieso gekauft.
Wir fahren entlang der Bauten der hier ansässigen Mittelständler, Bauern und Gemeinden. Alle auffällig durch ihr modernes Design und die Holzbauweise: Schindeln in verschiedenen Farben, quadratische Bauten aus Holz, wie Riesenbungalows – traditionelles Handwerk und zeitgenössische Architektur. Wir fragen uns, warum das nicht bei uns geht. In Andelsbuch fahren wir am Bregenzer Werkraum vorbei – ein Bau von Peter Zumthor. Leider geschlossen. Aber morgen gehen wir Ins Bregenzer Kunsthaus – auch von Zumthor.
Zurück zum Wandern: Wir folgen der Straße bis zur Bergbahn Mellau. Es ist sonnig und heiß – als Flachländer haben wir keine Ahnung, wie das alles in 2000 Metern Höhe ist. Jacken? Langärmliges? Am Ende stapfen wir in kurzen Hosen mit Hochgebirgsstiefeln zur Bergbahn. Wir wollen die Bergbahn nehmen, dann über die Kanisalm zur Mittagsspitze und von dort nach Damüls – ca. 4–5 Stunden. Für geübte Wanderer steht auf dem Schild. Guter Plan, wenn er nicht von mir stammen würde. Wir scheitern an den Betriebszeiten der Bahn – Mittagspause. Wir sind zu spät. Ich schaue die Seile der Bergbahn hinauf und denke: Zu Fuß geht auch. Warten ist blöd. Bergbahnen liegen mir sowieso nicht – ich bevorzuge es, unterhalb der Seilbahn entlang zu laufen – hier geht sonst niemand und es ist immer steil.
So auch heute: Wir starten oben am Parkplatz und folgen dem markierten Weg den Wald hoch. Es ist steil – sehr steil. Und schön. Der Wald ist dicht, kühl, und der Weg unbefestigt – ab und zu sehen wir die Klippen der Kanisfluh. Ein bisschen wie im Elbsandsteingebirge – halt Kalk- statt Sandstein.
Wir schwitzen uns langsam den Berg hoch und überlegen, ob das mit der Mittagsspitze eine gute Idee war – es gibt die Option, auch auf die Kanisfluh zu gehen. An jedem gelben Schild steht: Mittagsspitze (nur für Geübte) und Kanisfluh. An der Abzweigung, an der wir uns entscheiden müssen, ist ein Wasserfall. Genau das, was wir brauchen: schattig und kalt, erfrischend und idyllisch. Hier könnte man baden, picknicken oder einfach nur ausruhen.
Wir entscheiden uns für die Kanisfluh – warum soll man sich an Pläne halten, wenn auch etwas anderes möglich ist. Am Ende war das die optimale Entscheidung, denn der Weg ist zwar immer noch steil, aber lange im Schatten. Über eine kleine Brücke geht es auf einem schmalen Pfad entlang der beeindruckenden Steilwand der Kanisfluh (falls es die ist) hoch.
Ich schaue immer mal nach oben und überlege, was eigentlich unser Ziel ist. Berge gibt es zuhauf, nur habe ich keine Ahnung welcher davon unserer ist. Aber dass es nach oben geht, ist auch mir klar. Also gehen wir weiterhin den steilen Pfad nach oben. Nach zwei Stunden kommen wir ins Freie. Unter uns zwei bewirtschaftete Almen. Die Sonnenschirme und das, was drunter ist, verlocken uns sehr. Aber nach einer Woche ohne Guru Schneider überwiegt mein Yang und ich zwinge uns in gleißender Sonne den Berg hinauf, bis wir an die Abzweigung kommen. Hier geht es hoch auf den Gipfel oder runter zur Alm. Ich entscheide mich für einen Gipfelspurt – ziehe mir meine Turnschuhe an, die ich in weiser Voraussicht mitgenommen habe, lasse den Rucksack da und sprinte mit meiner Trinkflasche bewaffnet den steinigen und beschwerlichen Berg hoch. Endlich oben am Gipfelkreuz empfangen mich Schwärme von Fliegen, sodass ich sofort wieder runterrenne. Auf dem Weg runter fällt mir ein, dass die Kanisfluh mit ihren 2044 Metern als einer markantesten Berge im Bregenzerwald gilt – nicht zuletzt wegen ihrer steil abfallenden Nordwand über Mellau. Habe ich den falschen Berg bestiegen? Sah doch gar nicht so markant aus. Ich verwerfe den Gedanken und überlege, ob ich an der Alm ein Bier oder eine Johannesbeerschorle trinke. Ist Johannisbeerschorle genauso gut wie Hefeweizen? Immerhin war das Schorle jahrelang mein Lieblingsgetränk – allerdings zum Mittagessen im Molinari, meinem liebsten Restaurant in Kreuzberg. Aus aktueller Sicht überwiegt das Hefeweizen. Wie häufig hätte ich das mit dem Denken auch lassen können. Angekommen an der Alm erfahre ich, dass die letzte Bergbahn in 45 Minuten fährt. Auf dem Wegweiser zur Bergbahn steht: 45 Minuten. Wieder sprinten. Wir schaffen die Bergbahn und fahren entspannt runter. Verlaufen auf die Kanisfluh – das muss man erst mal schaffen!
Die Wanderung ist sehr empfehlenswert. Der Anstieg von der Bergbahnstation war eine gute Entscheidung. Allein der Wasserfall ist die Anstrengung wert. Bei Sonne scheint mir das die bessere Option. Seilbahnzeiten checken! Genug Wasser mitnehmen!