Wechselbäder

Vom Regen in die Sonne und zurück - rund um den Neuruppiner See.

Winter 2025, 4. August: Es regnet seit Wochen. Gefühlte Temperatur: 9 Grad. Ich plane meine erste Radtour seit langem. Neuruppin - Kremmen - Neuruppin. Knapp 79 Km, 5 Stunden - und das ohne verfahren. Mir ist klar, dass ich das nie schaffe. In einer der kurzen Regenpausen, packe ich mein MTB und lege los.

Vom Bahnhof Rheinsberger Tor in Neuruppin möchte ich erst einmal an den See. Der Weg links könnte dahin führen. Das erste Mal verfahren. Das Sackgassenschild gilt auch für Radfahrer.

Zurück auf die Hauptstraße. Nächstes Hindernis. Große Baustelle. Bahnübergang selbst für Fußgänger gesperrt. Mit dem MTB geht´s ganz gut - man muss halt schneller als der Zug sein. Ich quäle mich an Baggern und verwirrten Bauarbeitern durch den Matsch und die Absperrungen bis ich bei der Fontane Therme herauskomme. Endlich Seeblick. Mich erinnert es ein wenig an den Bodensee. Da steht auch der Radwandertourismus an erster Stelle und überall fahren Rentner auf ihren eBikes auf schön asphaltierten ausgeschilderten Radwegen.

Neuruppin ist im Vergleich zu meiner Brandenburger Heimat Prieros anders. Gediegen. Schön restaurierte Häuser. Restaurants, Eisdielen, Dampfer, Westtouristen. Das könnte auch Friedrichshafen sein. Vielleicht gefällt meiner Mutter das Altersheim in Neuruppin besser als dort. Wahrscheinlich nicht. Für mich ist es hier super - selbst im Regen.

Ich fahre immer möglichst nah am See Richtung Süden und passiere gepflegte öffentliche Badestrände mit Toiletten. Links geht es einen kleinen Weg zum See. Wieder eine Sackgasse? Scheint zu gehen. Unter großen Trauerweiden geht es direkt am See entlang. Es wäre nicht meine Tour, wenn es so einfach weiter ginge: Baumarbeiten auf meinem Weg. Zwingen mich auf die Strasse. Wenn es in dem Schneckentempo weitergeht, schaffe ich es nicht mal um den Neuruppiner See.

Wieder am See kommt auch die Sonne heraus und ich fahre den asphaltierten Weg direkt am Ufer entlang - alles sehr gediegen. Wenn die Baustellen nicht wären, wäre das die perfekte Rentnerstrecke. Offensichtlich hat sich das Wetter auch zu meinen Gunsten geändert.

Ich passiere den ersten Biergarten - Maisel´s Weiße. Hier war ich schon. Mit den heimischen Biergärten kenne ich mich schon besser aus als mit dem Radwegen.

Ab jetzt habe ich auch naturbelassenen Untergrund unter mir - für 200 Meter. Ich komme wieder in eine Neubausiedlung und fahre erst mal weg vom See. Ich biege links in die Sonnenallee ein, passiere die Anwaltskanzlei Klier und fühle mich da wie zu Hause. Arbeitsrecht in Berlin und Brandenburg. Es gibt schon Bestrebungen Dependancen der Kanzlei in Kiel und Münster zu öffnen. Da passt Neuruppin auch.

Ab jetzt radle ich den Radweg weiter. Das ist ziemlich unattraktiv. Erinnert mich an den Radweg an der Neiße entlang in Görlitz. Sah auf der Karte toll aus und war solange langweilig bis wir uns in´s Dickicht verfahren haben.

Jetzt versperrt mir die Müllabfuhr den Weg. Ich fahre nicht geradeaus, sondern biege links ab. Links in Brandenburg ist sowieso Pflicht. Auch Radfahrer müssen Haltung zeigen. Ich fahre am Brennereiweg vorbei und schiele kurz zum See runter. Dickicht - also abbiegen. Wieder links. Wie kann's anders sein: Sackgasse aber ein schöner Seezugang. Geheimtipp. Umdrehen und dann versuch ich die nächste Abzweigung nach links. Hier ist es besser. Anlieger frei. Es kommt eine schöne Badestelle.

Es geht endlich los. Wanderweg. Singletrail. Das ist bisher die erste gute Strecke. Ich sag doch. In Brandenburg links halten, dann wird alles gut. Endlich in meinem Element. Ein Pfad, den man mit dem Rad nicht fahren würde. Echtes Abenteuer jetzt. Ich folge dem matschigen Trampelpfad durch den nassen Wald. Komme zu den Feldern und sehe den offiziellen Radweg gegenüber.

Also biege ich wieder links in den Wald ein. Das hier ist für Wandere oder lebensmüde MTB-Fahrer. Ich stecke mitten im Wald zwischen Brombeeren und Brennnesseln fest. Der Pfad ist mini, voller Wurzeln. Alles feucht und matschig.

Laut Karte soll es hier einen Weg geben. Also auf die Suche. Das Fahrrad lass ich stehen und finde dann tatsächlich am See einen Minitrampelpfad. Ich hole das Fahrrad. Mal sehen, wohin das mich führt. Jetzt bin ich dankbar, dass ich alleine bin. Es kracht. Ich trete durch. Meine Gangschaltung ist kaputt. Inzwischen regnet es in Strömen. Im Starkregen stehe ich unter den Bäumen und werde pitschnass. Wenigstens bekomme ich die Gangschaltung wieder hin.

Als ich so naß bin, dass es keinen Sinn mehr macht unter dem Baum zu stehen, fahre ich weiter. Ein paar 100 m weiter ist dann der Unterstand, der mir gefehlt hat. Das Wasser steht mir schon in den Schuhen. Immerhin habe ich schon 8,5 von meinen geplanten 70 km hinter mir.

Das liest sich schrecklich. War auch etwas speziell. Der Weg ist aber ein äußerst schöner Wanderweg. Wenn man in der Ecke ist, lohnt es sich mal kurz mit dem Hund spazieren zu gehen.

Für mich ging es mit dem Rad weiter. Ich habe Ersatzklamotten dabei. Insofern lass ich mich nicht bremsen. Kaum radle ich los, kommt auch die Sonne heraus. Ich folge dem Radweg nach Wustrau. Strecke machen, keinen Verlockungen folgen.

Hier sieht es jetzt schon mehr nach Brandenburg als nach Bodensee aus.

Auch hier biege ich links ab und halte mich parallel am See. Passiere das neu renovierte Ziethenschloss direkt am See - hier findet gerade das Open Air Theater Festival statt. An der nächsten Abzweigung habe ich die Wahl: beide Wege führen nach Altfriesack. Das möchte ich mir ansehen, auch wenn es nicht so richtig auf dem Weg liegt. Hört sich schön an. Die Burg in Altfriesack war anscheinend der kultische Mittelpunkt des Stammes der Zamzizi. Wie immer halte ich mich links und nehme den Wanderweg. Wo Wanderweg draufsteht, ist auch Wanderweg drin. Matsch. Pfützen. Mein Rad hat keine Schutzbleche. Ich habe so eine dunkelbraune Spur vom Nacken zum Hintern. Die Burg und die Zamzizi finde ich nicht, aber die Zugbrücke über den See. Angesichts meiner Verspätung und der Wetterlage frage ich mich, ob ich jetzt auf der anderen Seite wieder zurückfahre oder doch beim ursprünglichen Plan bleibe. Planänderungen gefallen mir genauso wenig wie planen. Also geht's weiter Richtung Kremmen. Dafür muss ich aber zurück nach Wustrau. Diesmal fahre ich andersherum. Der Weg ist noch schöner. Ich fahre durch Auen am Wald entlang, ein idyllisches Strässchen für die Anwohner und Landwirte. Als würde das Wetter merken, dass ich in die falsche Richtung fahre, schlägt es um. Sonne gibt es für die, die nach Neuruppin fahren. Für mich ist der Regen. Diesmal habe ich keine Ersatzkleider mehr. Ich ziehe mich aus. Verstecke meine Kleider an einer trockenen Stelle und stelle mich nackt unter einen Baum und warte auf bessere Zeiten. Neben mir stehen die Ponies unter einem Wagen und suchen auch Schutz vor dem Regen.

Kaum wird der Regen weniger, schwinge ich mich wieder auf´s Rad und ab in den Luch. Das Kremmener Luch ist mein Ziel. Ich habe mir, eine Art flache ebene weite Moorlandschaft mit vielen Vögeln vorgestellt. Wie sich heraus stellt, muss ich erst einmal durch das Linumer Luch. Eine Art flache weite Moorlandschaft mit vielen Vögeln.

Jetzt wird mir auch klar, dass ich hier erst vor ein paar Wochen war - Betriebsausflug in die Storchenschmiede in Linum. Das Luch hier ist bekannt als bedeutender Rastplatz für Kraniche und andere Zugvögel. Die Landschaft finde ich spektakular. Zwar flach und feucht. Aber eine große Weite. Flächen in den verschiedensten Farben; abwechslungsreiche Vegetation und Tiere: ich sehe Rehe, Kraniche, Störche, Raubvögel - mir wurde erzählt, dass hier Seeadler Hasen reißen. Gut, dass Milou noch nicht wieder dabei ist.

Dann fahre ich durch Schilfgebiete entlang den schmalen Kanälen. Plattenstrassen, Feldwege, Betonstrasse und Kopfsteinpflaster - immer gerade aus, immer holprig und in der Sonne.

Eigentlich hätte ich längst links Richtung Kremmen abbiegen müssen. Aber geradeaus reizt mich mehr - ich möchte zum alten Rhyn. Hört sich nach Brandenburger Rhein an - möchte ich sehen. Und ist es auch wert. Der Alte Rhin stellt sich als früherer Flusslauf des Rhins dar - ein Fluss, der bei Neuruppin entspringt und bei Fehrbellin in die Havel mündet. Hier ist es verwunschen und ich bin versucht auf dem Damm Richtung Fehrbellin zu fahren. Das war ich aber erst gestern. So langsam macht sich meine Kondition bemerkbar und Wasser habe ich auch keines mehr. Keine Experimente mehr. Die Vernunft siegt und ich fahre zurück Richtung Festland. Der erste Posten in der Zivilisation ist Ziethenhorst. Das habe ich das letzte Mal nicht gefunden. Trotz Schwäche und Wassermangel mache ich doch keine Pause so verlockend es hier auch aussieht. Ich denke an Milou - die hätte sich hier wohl gefühlt. Perfekt zum Spazierengehen. Für Tiere ist das das Paradies. Aber wohnen, leben - da braucht es wahrscheinlich schon einen triftigen Grund? Ich mache mich schnell von Dannen. Es geht an den immer geraden Wegen entlang. Hier gibt es keine Kurven - alles schachbrettmäßig geplant. Aber wilde Wege.

Ich nehme die Brücke nach Wall und bin in der Landwirtschaft. Auf der einen Seite des Flusses unberührte Natur und wilde Tiere und hier landwirtschaftliche Nutzung im großen Stil. Spätestens jetzt ist klar, dass ich es nicht nach Kremmen schaffen kann. Wenigstens gibt mir eine Einheimische Wasser, so dass ich überhaupt noch weiter komme. Ich schleppe mich die Radwege entlang und träume von meinem E-Bike in Sizilien. Einmal kann ich es mir doch nicht verkneifen und biege nochmal links ab. Schön ist es am Butzsee. Aber mir fehlt jetzt die Kraft und der Weg ist noch weit. Ich muss noch den ganzen Neuruppiner See entlang. Mein Handy kann ich auch vergessen - kein Akku mehr. Trotzdem finde ich den Radweg nach Altfriesack. Rast beim Fischer. Etwas stärker radle ich gemächlich den See entlang - am Ende versuche ich doch noch eine Abkürzung. Wie immer schön. Wie immer kaum passierbar und wie immer länger und langsamer. Völlig fertig erreiche ich die Abzweigung zur Brücke nach Neuruppin. Auf dem Schild steht, dass die Strasse gesperrt ist. Glaube ich nicht; und wenn, dann schwimme ich. Am Ende erreiche ich Brücke, die zwar gesperrt ist, für Radfahrer aber passierbar. Eigentlich wäre es typisch gewesen, wenn ich hätte umdrehen müssen. Glück gehabt in Neuruppin.

So war es naß und sonnig, langweilig und spektakulär, neu und spannend, ich habe viel gelernt, gesehen und mehr verstanden - die perfekte Radtour!

Wer meine Route bei gleichen Bedingungen genau nachfahren will, erlebt ein Spektakel; braucht aber ein gutes MTB, gute Kondition und Mut für die Singletrails. Wer bei schönem Wetter die Radwege benutzt, hat eine abwechslungsreiche Radtour, die auch mit einem Tourenrad gefahren werden kann. Es gibt schöne Einkehrmöglichkeiten und man kann in Altfriesack auch abkürzen. Die Landschaften sind einmalig.

Man kann die Tour von Kremmen aus nur in das Luch machen. Ist wahrscheinlich das Schönste. Nur um den Neuruppiner See geht auch. Ist das Einfachste. Alles zusammen ist eben das Längste.

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