Urlaubspläne

24. Februar 2025, mit dem MTB von Lindau nach Gaienhofen

Wozu planen, wenn´s doch nie klappt und trotzdem schön ist. Mitkommen lohnt sich!

Urlaub steht an. Ich weiß gar nicht mehr, wie das geht. Brauche aber unbedingt Erholung. Nach drei Jahren Verlaufen und Verfahren in Sizilien habe ich jetzt eine Woche Ferien. Alleine. Bin ich so nicht gewohnt. Weg will ich auch nicht. Das Büro nervt, aber es gibt auch Gutes. Ich kann mich für nichts entscheiden.

Plan eins: Ich verabrede mich mit Lotta in Middelburg. Wollte ich schon immer. Nur der Zeitpunkt ist schlecht. In Middelburg streiken die Studierenden, und Lotta radikalisiert sich. Alte, weiße Väter passen da nicht ins Bild. Außerdem ist am Sonntag Wahl. Ich habe keine Briefwahl beantragt.

Plan zwei: Skitouren in den Alpen. Telefoniere herum und am Ende finden sich sogar Möglichkeiten am Oberalppass. Komme aber auch nicht zu einer echten Entscheidung. Lange nicht mehr gemacht. Skisachen? Transport? Auch schwierig.

Sicherheitshalber gehe ich erst mal in die Frankfurter Allee zum Bürgeramt wählen. Ich bin die letzte Hoffnung der Grünen. Dafür fahre ich auch eine Stunde Rad. Apropos grün oder Grüne: auf dem Rückweg telefoniere ich mit meiner Kolleging - sie fährt gerade an Stolpe vorbei. Mich überkommt eine plötzliche Tristesse. Wahrscheinlich liegt es an meinen Erfahrungen auf dem Grün des Golfplatzes Stolper Heide. Akquise beim Golfen. Ich habe nicht mal beim Suchen meiner Bälle jemanden beeindruckt. Heute wandere ich – beeindruckt auch niemand.

Freitag, 21. Februar 2025: Tag der Entscheidung.

Buche ich jetzt, fahre ich jetzt, fahre ich morgen, buche ich morgen – oder gehe ich einfach ins Büro? Da weiß ich wenigstens, wo es ist. Zu viele Wünsche, zu viele Optionen.

Plan zwei nimmt Formen an: Ich fahre nach Lindau zu meinem Vater und mache von dort aus Skitouren. Skisachen suchen. Sind mir beim Aufräumen gar nicht untergekommen. Am Ende finde ich sie. Wie kriege ich den ganzen Kram in die Berge? Ich weiß ja nicht mal, ob ich mit dem Zug fahre oder fliege. Ich schiebe den Plan erst mal auf.

Überraschend geht’s dann doch ins Nachtleben. Christoph lädt mich in die Paloma Bar ein. Wir starten im Würgeengel. Sah vor 20 Jahren schon so aus. Ich trinke zum Andenken an meinen Freund Frank Whisky Sour. Mit ihm früher immer zusammen mit Bier: “Herrengedeck!” bestellte er damals in der Grünen Bar in Frankfurt.

Fahimi Bar, Paloma Bar und Monarch sind drei alle drei im ersten Geschoss eines etwas heruntergekommenen Gebäudes direkt am Kreisel am Kottbusser Tor. Sie liegen nebeneinander im ersten Stock. Durch die großen verglasten Fenster schaut man auf das Nachtleben am Kotti. Die Lichter der Autos und Fahrräder unter uns beleuchten die dunklen Umrisse der Partygänger und die Schatten der Junkies und Obdachlosen. Großstadtromantik! War hier schon immer so.

Monarch ist der Partyraum, in dem Konzerte sind. Die Fahimi Bar ist die Raucherkneipe. Benannt nach dem Arzt Dr. Fahimi, der hier frührer praktizierte. Die Paloma Bar - der Club zum Tanzen. Alle drei für Senioren etwas unüblich. Aber wir sind willkommen. Schließlich ist Christoph einer der Eigentümer der Clubs. Fahimi Bar ist voll. Also gehen wir gleich in die Paloma Bar. Die Eingänge sind kaum zu finden. In versifften übel riechenden Einfahrte sind versteckt unter Graffiti, schwere Stahltüren, durch die man in die jeweiligen Aufgänge zu den Bars kommt. Die Beschilderung ist karg, das Ambiente: interessant, aber furchterregend. Wer es nach oben schafft wird belohnt. Ich zumindest.

Samstag, 22. Februar 2025: Früh aufstehen. Packen. Zug oder Flug? Schon wieder unentschlossen. Ich entscheide mich für den Zug – und kaufe ein Flugticket. Skischuhe ins Handgepäck und noch ein paar Merinosachen für die kommenden zehn Tage. Hannah´s Geburtstag: Famillienkonferenz mit “Oh Tannenbaum” - mein Auftritt: Hannah´s Lieblingslied von mir.

BER. Security. Ticket scannen. Die Lampe leuchtet rot. Nochmal. Immer noch rot. Ticket checken. 22. Stimmt doch. Rot. Ticket nochmal checken. 22. März.

Okay. Planänderung. Ich fahre am 22. März nach Middelburg. Der Zeitpunkt war sowieso schlecht.

Zurück in der Obentrautstrasse: Urlaub zu Hause. Ich lege erst mal „Lean on Me“ von Bill Withers auf und überlege, wie es jetzt weitergehen soll.

In die Alpen komme ich heute nicht mehr. Aufräumen? Nicht auch noch im Urlaub.

Ich stehe in meinem Reisegepäck und weiß nicht, wohin damit. Also erst mal ins Büro. Da sollen für die Tanzparty Pop on Tour am 8. März Lautsprecher aufgebaut werden.

Mach ich halt das. Am Ende passiert viel, aber nichts Geplantes – und weg bin ich immer noch nicht.

Sonntag, 23. Februar: Voller neuer Energie. Es wird ernst. Ich buche den Zug nach München. Die Bahn-App geht nicht. Egal. Schwarzfahren im ICE. Klappt sicher. Inzwischen kann man im Zug keine Tickets nachlösen. No risk, no fun.

Ich verstecke mich im Speisewagen. Werde doch kontrolliert. Die Zugbegleiterin mag mich und lässt mich verständnisvoll weiterfahren.

Ausreden? Kein Problem. Nett bin ich auch.

Personalwechsel. Ein Zugbegleiter. Ich kaufe schnell mein Online-Ticket und komme ungeschoren nach München.

Am Abend bin ich in Lindau. Ich brauche etwas zu essen. Ich hatte mir in Berlin vorgenommen, mich im Urlaub um eine geregelte Ernährung zu kümmern. Ich kann meine Rippen schon durch die Skijacke spüren.

Aber erst Wahlberichterstattung. Alles wie erwartet. Alice Weidel streckt die Hand aus.

copyright Sandra Voith bzw. Iglhagel

Ich laufe los. 20:30 Uhr. Da machen die Restaurants in Italien gerade auf. In Lindau sind sie leider schon zu – alle! Also weiter abnehmen.

Wenigstens gibt es Zigarren und Bier.

Montag, 26. Februar 2025: Von meinem Meditationsplatz könnte ich den schneebedeckten Säntis sehen. Heute komme ich im Nebel nicht so weit.

Heute Skitour: das Bödele kann ich mit Öffentlichen erreichen. Ausrüstung ausprobieren, bevor es dann richtig in die Berge geht.

Tilla ruft an. Unsere Mutter ist gestürzt. Ich muss nach Gaienhofen.

Plan drei: Radtour von Lindau nach Gaienhofen.

Ausrüstung? Kein Problem. Mountainbike gibt es – und aus Erfahrung weiß ich, was mir alles passieren kann. Meine Ausrüstung passt für Skifahren, Radfahren, Wandern, Trailrunning, Schwimmen, Paddeln – und Rauchen.

Den Bodensee kann man locker mit dem Fahrrad umrunden. Überall sind Radwege angeschlagen und alles ist gut gepflegt.

Auch ganz schön – aber langweilig. Gut wird’s, wenn man sich nicht an die Beschilderung hält.

Ich fahre los.

Erstmal nach Lindau zur Insel und dann immer am See entlang. Der Bodensee: im Winter etwas für Spezialisten. Kalt, nass. Ständig Nebel über dem See, der in guten Tagen weiß und an schlechten Tagen dunkelgrau ist. Nachts ist es besser, da spiegeln sich die Lichter der Städte auf der glatten Seeoberfläche. Ich bin aber tagsüber unterwegs. Da sehe ich von der Aussichtsplattform eine weiße Wand und ansonsten ist es nasskalt.

Eigentlich wie in Berlin nur mit Nebel.

Am Strandbad Aeschach entlang. Hier waren wir als Jugendliche in den Sommerferien baden. Ist immer noch offen, glaube ich.

Es ist kalt. Neblig – aber es regnet nicht mehr. Ich fahre zügig auf dem Radweg und sehe: Privatstraße – in einen Park. Noch schnell links abbiegen.

Das nasse Kopfsteinpflaster nehme ich erst wahr, als ich darauf entlang rutsche. Den Sturz hatte ich für´s Skifahren geplant. Wozu hat man ein Mountainbike, wenn man bei ein bisschen Glätte gleich runterfällt? Ich repariere das Rad, untersuche meine Klamotten – dreckig. Ich fühle mich wie mit zehn. Schürfwunden an Knie und Ellenbogen. Eigentlich schön: im Alter wird man jünger. Passiert mir öfter.

Die nächsten Kilometer halte ich mich auf dem Radweg.

Es geht vorbei am Lindenhofpark. Hier waren wir in den 90ern immer baden. Auf der Wiese liegen, Richard Brautigan lesen und intellektuell aussehen. Bis mich die Polizei wegen Drogenkonsums festnimmt – und enttäuscht ist, dass sie nur Bier findet.

Wasserburg, Nonnenhorn. Ich nehme jede Abzweigung nach links, die geht. Immer möglichst nah am See. In Kressbronn wird mir klar, dass sich an Schilder halten, totaler Quatsch ist. Ich bin an der schönsten Strecke vorbeigefahren. Wer nachfährt – ab Nonnenhorn am See bleiben. Danach kann man mir im Sommer nicht mehr nachfahren.

Ich nehme ab jetzt jede Abzweigung und erforsche die Sackgassen. Die meisten der Wege, die ich fahre, sind für Wanderwege, die für Radfahrende gesperrt sind. Im Winter ist kein Mensch unterwegs – und die zwei Frauen, die ich treffe, beschweren sich. Beim Radfahren zieht mein Charme nicht.

Im Sommer wird das nicht gehen!

Argen! Hier ist es richtig schön. Ich picknicke und erledige mein erstes langes Telefonat (man kann sich an meiner Radelzeit nicht orientieren – ich telefoniere immer zu lang und oft).

Langenargen – wieder ein schönes Dorf am See. Die komischen beschnitten Bäume geben den Dörfern ein mediterranes Flair wie sie als schwarze Skulpturen im Nebel an den Lungomares stehen. Überall Läden mit Ständen voller Äpfel, Wein, Schnaps – das geht jetzt eine Weile so. Ich habe wie immer alles für eine lange Reise dabei und keinen Platz im Rucksack. Also kein Schnaps vom Bodensee.

Ich fahre jetzt illegal durch das Eriskirchener Ried – würde aber sogar durchschieben, so schön ist es.

Friedrichshafen: angekommen. Ab jetzt war der Plan, mit dem Zug weiter nach Radolfzell zu fahren und dort wieder aufs Rad. Keine Lust. Planänderung. Ich fahre weiter - schaff´s sicher auch mit dem Rad. Sind nur 60 Km und es ist erst 14.00.

Es geht immer weiter am See entlang, die mondäne Promenade entlang. Rechts gepflegte Weinberge und links der Nebel über dem See.

Immenstaad gefällt mir gut. Aber alle Städte sind malerisch und laden zum Bleiben ein. Für mich wird es dann doch etwas spät. Licht gibt’s nicht am Rad, und ich bin noch fast drei Stunden entfernt.

Ich rase an den Sehenswürdigkeiten vorbei. Unteruhldinger Pfahlbauten – ich halte natürlich nicht an. Am Kloster Birnau – halte ich auch nicht an. Es geht ab zur Mainau und Reichenau - verlockend aber unmöglich. Ich muss es nach Überlingen, da ist der Bahnhof. Komm an. Auch schön. Fachwerkhäuser. Altes Bächlein an der Stadtmauer – und dann in den Zug nach Radolfzell.

Ich komme im letzten Sonnenlicht an.

ist Gaienhofen am nächsten Tag aber die gleiche Zeit und auch schön!

– und telefoniere. Wieder lang. Zu lang.

Es ist dunkel, und ich habe noch 45 Minuten von Radolfzell nach Gaienhofen vor mir. Egal. In Berlin habe ich auch kein Licht. Und ich bin nach jahrelangem Karatetraining sturzerprobt. Habe ich heute schon bewiesen. Radfahren mit Lorenz: Grundvoraussetzung schwarzer Gürtel im Shotokan oder Vergleichbares.

Eine tolle Abendstimmung. Der leichte Nebel auf dem See, im Hintergrund die dunklen Hügel um Konstanz herum (glaube ich) und die letzten Sonnenstrahlen, die im See noch etwas Licht widerspiegeln. Die Gegend ist flach, Schilf zum See, im Winter verlassene Badestellen und im Hinterland die leichten Hügel um den Hohentwiel. Es geht durch idyllische Riede direkt am Ufer entlang – Itznang, Horn.

Ich habe Glück. Der Radweg ist aus hellem Sand und leuchtet mir den Weg im Dunkeln.

Ich hatte meiner Mutter versprochen, etwas zum Abendessen mitzubringen.

In Moos ist das sehr gute Restaurant „Zum Grünen Baum“. Geschlossen. In Horn ist der sehr gute Gasthof Hirschen. Zu. In Gaienhofen: Supermarkt. Zu. Das schlechte Restaurant – keine Ahnung, wie es heißt. Zu.

Wenigstens habe ich Kalorien verbrannt, wenn es wieder nichts zu essen gibt. Am Ende klappt es und ich esse Pizza mit meiner Mutter und schaue auf das gegenüberliegende Steckborn.

Am Ende waren es 80 Kilometer mit dem Mountainbike. Für den Rückweg kaufe ich mir eine Radhose.

Die Strecke ist einfach, schön und für jedes Rad machbar. Zwischen Überlingen und Radolfzell muss man nicht radeln – ist nicht schön.

Es geht von Gaienhofen dann weiter Richtung Stein am Rhein und auf der anderen Seite des Sees zurück nach Konstanz.

Im Sommer wird das sehr voll sein, sodass viele der Abzweigungen nicht möglich sein werden. Viel Spaß!





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