Therapiewandern

16. Februar, im Sutschketal mit Doris

Mehr Spaziergang als Wanderung - zum Erholen wie gemacht

Wochenende: wie immer räume ich auf. Scheinbar räume ich die letzten 25 Jahre meines Lebens auf. Ich finde mir völlig unbekannte Sachen. Hätte ich sie früher gefunden – oder gesucht, wäre mir einiges an Vorwürfen entgangen. "Lorenz" wird schon als Synonym für Unordnung benutzt. Wahrscheinlich selbst schuld. Mir wird beim Beziehen der Gästebettwäsche klar, dass unser Haushalt nicht auf meinem Weg lag. Wenigstens finde ich das Gästezimmer. "Frauen räumen auf, Männer entscheiden" - trifft bei mir schon auch zu.

Nach all der Ordnung kommt das Verlaufen. Ich bin mit Doris zum Therapiewandern in Bestensee verabredet. Sie erholt sich von harten Jahren in München. Ich erhole mich auch. Sie hat vier Wochen eingeplant. Bei mir soll der Weg lang und steinig sein. Angst habe ich keine – laufen kann ich.

Gestern war Berlin weiß. Deshalb treffen wir uns in Bestensee. Ich dachte, bei Schnee brauchen wir echte Wege, und da fiel mir das Sutschketal und der krumme See ein. Ein beliebter Spaziergang für Einheimische. Gut markiert und viel begangen und doch idyllisch und nah am Bahnhof. Perfekt für uns – Doris kommt vom Glubigsee und ich mit meiner Lieblingsbahn aus Berlin: dem R7 von Senftenberg nach Dessau.

Vor der Haustür in der Obentrautstraße – ich schaue Richtung LPG. Grau – die weißen Schlittenspuren von gestern sind heute dreckige Eisrinnen. Splitt auf dem dunklen Asphalt. Die Häuserwände grau. Der Himmel eine einzige weiß-graue Fläche. Grau in Grau.

"Um mich rum ist alles Grau, Grau in Grau. Wo sind die ganzen Farben, die man eigentlich braucht? Um mich rum ist alles Grau, Grau in Grau. Alles versaut, voll Dreck, verstaubt."

Isolation Berlin kennt sich aus.

Egal: Ich nehme die Gazelle. Optimal zum Hinfliegen. Ich rattere über die Eisrillen auf dem Radweg Richtung Bahnhof Friedrichstraße. Ich denke: "Deutschlandticket: Endlich eine Regierung, die was für mich gemacht hat." Sieht der gemeine Autofahrende sicher anders. Aber es gibt auch Nette. Welche, die nicht FDP wählen. Ich kenne eine, die ist bei den Grünen.

Im R7 Richtung Senftenberg: kaum hinter der Stadtgrenze kommt die Sonne. Alles ist weiß und gold. Partytime.

Ich treffe Doris am Bahnhof Bestensee. Von hier sind es zwei Kilometer zum Wanderparkplatz.

Doris meint: "In Brandenburg baut man immer Straßenfluchten. Keine Kurven – immer geradeaus. Ich finde die grünen Straßenlaternen mit den blauen Wahlplakaten ganz hübsch – und ordentlich: alle in einer Höhe und auf jeder Laterne. Passt auch gut zu den farbig gedeckten Dächern. Die Brandenburger:innen mögen es gern bunt. Aber nicht total. Rote, grüne, gelbe oder schwarze Plakate findet man nicht. In Bestensee prägt Blau das Stadtbild. Doris meint, die Slogans der AfD seien in Bayern anders. Hauptsache: einfach! Man möchte die Wähler:innen nicht mit Inhalten überfordern. In Bestensee mag's jede:r Dritte einfach. Einfach ist gerade eh in. Doris sagt: "Die Historiker:innen würden sagen, es kommt wieder eine Revolution. Aber davor muss die Demokratie abgeschafft werden." Vielleicht sparen wir uns die Revolution und lassen Musk und die Seinen den Mars kolonialisieren.

Wir fahren die circa zwei Kilometer zum Wanderparkpatz kurz vor dem Ortsausgang. Das Sutschketal - 15.000 Jahre alt, aus der Eiszeit und eingekesselt zwischen der Bundesstraße und der Autobahn. Schwer vorstellbar, dass hier ein Idyll liegt, wenn man mit dem Auto vorbeirauscht. Vom Parkplatz geht es einen kleinen Weg links in den Wald – markiert mit einem (natürlich) blauen Kreuz. Dieser Markierung folgen wir, bis wir wieder hier rauskommen. Ich laufe immer rechts herum. Links finde ich wahrscheinlich den Weg nicht. Lieber kein Risiko eingehen – wir laufen also rechts.

Man kann sich auf der ganzen Wanderung unmöglich verlaufen. Selbst mit mir nicht. Wir laufen am Hang entlang. Im Sommer erkennt man den Mischwald. Jetzt sehe ich nur braune Stecken im Schnee und weiße Flächen, die wahrscheinlich Wasser sein sollen. Idyllisch. Wirklich!

Das Sutschketal ist auch im Winter ein verwunschener Ort. Bizarre Holzkonstrukte im Schnee. Naturwald.

Bis auf schlittenfahrende Kinder und Sonntagswandernde verlassen. Bis wir zum Krummen See kommen. Das ist eigentlich die Fortführung des Tals, nur ist dieser Teil besiedelt und unter Wasser. An den Hängen zum See sieht die Architektin und Städtebauerin Doris die ehemaligen Datschen mit ihren Steganlagen, die sich immer mehr zu Einfamilienhäusern im Berliner Speckgürtel verwandeln. Schön ist es immer noch – nur nicht mehr verwunschen. Doris erzählt mir vom Waldbaden. Wir passieren die Badestellen, und ich finde Baden gerade blöd. Es liegt auch Schnee auf dem See. Wir laufen also weiter.

Wir umrunden den See, bis wir zum Strandbad kommen. Im Sommer kann man hier ein Eis essen (oder ein Bier trinken). Danach läuft man durch das Dorf, bis man am Ende wieder in das Sutschketal kommt. Von hier sieht es nicht minder spektakulär aus. Man muss sich das als sehr schmales Tal vorstellen – nur einige hundert Meter breit. Diese sind aber unpassierbar: Wasser, Moor, Büsche, Schilf, altes totes Gehölz neben großen, verkrüppelt wirkenden Bäumen. Im Winter hat das zum Teil skurrile Züge. Jedenfalls herrscht hier ein ähnliches Chaos wie bei mir. Ich fühle mich gut aufgehoben.

Den Rest des Weges geht es dann auch mehr um mich als um den Wald. Doris therapiert. Fehlt nur noch, dass Guru Schneider recht hat und mich das Selbstmitgefühl einholt. Viel fehlt nicht. Den Tränen nahe erreichen wir unser Auto. Noch ein Kaffee am Bahnhof und dann schnell zurück. Ich habe Hausaufgaben bekommen: die vier Managementstile von Max Weber – wo sehe ich mich? Lässt sich schwer sagen, wenn ich es so lese. Ich finde, bei mir findet sich von jedem das Beste. Dann zur Mitarbeitermotivation: die Maslowsche Bedürfnispyramide. Morgen ist Montag, und das muss ich bis dahin draufhaben. Hätte ich mir das auch schon früher mal ansehen können. Hätte mir viel Unheil erspart - auch aktuell. Happy Kathleen, happy life - wär doch schön!

Der Spaziergang kann verlängert werden, in dem man von oder nach Königs-Wusterhausen läuft. Alles per öffentlichen Nahverkehr möglich. Ein perfekter Ausflug!

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