Wanderblog
1. Februar 2015 mit Steffi am Pizzo Mueli
Wer sich einen Wanderblog wünscht, bekommt was er will. Kein Platz für Gefühle oder Ablenkungen.
Samstag, 1. Februar. Sonne ist angesagt. Die Wetterdienste in Sizilien sind so ungenau, wie das Wetter unvorhersehbar ist. Wenigstens ist das Meer ruhig: wenig Wind, kein Regen. In den Bergen sollen es 8 Grad sein. „Hope for the best, plan for the worst“, sagt Jack Reacher. Ich suche die langen Unterhosen.
Heute habe ich mich für eine Gegend im Nebrodi-Gebirge entschieden, die mich seit Langem interessiert. Abgeschieden. Keine Straßen. Keine Wanderwege. Nur Viehzucht und – soweit erkennbar – Wirtschaftswege. Die weite Hochebene liegt zu Füßen meines Lieblingsbergs Rocche Crasto und über den Catafurco-Wasserfällen. Beides beliebte Wanderziele. Mein heutiger Plan: Rund um den Monte Mueli, die einzige Erhebung in meiner Ebene.
Steffi, Milou und ich fahren Richtung Galati Mamertino. Durch das breite, im Sommer immer trockene Flussbett fließt jetzt ein kleiner Fluss: kleine Wasserfälle; Wehre, in denen das Wasser in Kaskaden herunter fließt. Überhaupt ist Wasser heute ein Thema. „Es hat viel geregnet“, meint Steffi. Dazu die Schneeschmelze.
Breite, trockene, steinige Flussbetten winden sich wie graue Autobahnen die Täler vom Gebirge zum Meer hinab. War mir schon oft ein Rätsel. Wasserstrassen? Unvorstellbar. Tatsächlich gab es in der Antike in Sizilien Binnenschifffahrt. Waren wurden auf Flüssen transportiert. Heute muss das Wasser rationiert werden. Soweit für mich erkennbar, macht das die Klimakatastrophe für Siziliner:innen nicht interessanter. Wasser ist billig. Die Leitungen leck. Regenwasseraufbereitung oder Wasser sparen? Mensch und Natur - in Sizilien ein Widerspruch. Plastikmüll unter Brücken über idyllischen Bächen. Autos verrosten an abgelegenen Stellen im Gebirge. Aber jeder lebt, von dem, was er anbaut. Alles wächst. Vielleicht muss man deshalb die Natur nicht schützen.
Wir schlängeln uns die Serpentinen nach oben auf der Suche nach unserem Parkplatz. Die Landschaft ist wie immer schön. Hier unten ist noch alles bewirtschaftet: Oliven, Orangen – ein bisschen Landwirtschaft auf hübschen Grundstücken an den grünen Hängen. Oben sieht man aber schon die Felsen des Rocche Crasto über dem Dorf Longi. Nach knapp einer Stunde sind wir am Parkplatz. Der perfekte Wanderplatz. Kennt niemand.
Wir laufen die ersten Kilometer auf der unbefahrenen Asphaltstraße entlang. Warum auch befahren – sie führt ins Nichts. Von hier oben gibt es keine Straßen mehr. Man kann die Berge nur zu Fuß oder mit dem Mountainbike überqueren. Links sehen wir den Monte Mueli über uns. Eigentlich würde ich da gerne rauf. Unser Weg geht aber um den Berg herum. Wir biegen links auf einen unbefestigten Weg ab und laufen aufwärts, bis wir am Fuß des Berges ankommen.
Von hier könnte man eine schöne Weitsicht haben. Wir sehen auch weit – in den Dunst. Salina lässt sich gerade erkennen. Nur der Rocche Crasto ist gut sichtbar – und bleibt das auch die ganze Wanderung. Solange man ihn links sieht, ist man auf jeden Fall nicht richtig falsch.
Wir laufen also weiter rechts von ihm. Der Wanderweg ist unbefestigt, aber gut erkennbar. Er könnte auch im Schwarzwald sein. Da wäre er wahrscheinlich ein Premiumwanderweg. Hier sind Wanderwege nur etwas für Extremsportler:innen. Der sonntägliche Spaziergang um den Agriturismo ist ok. Wandern – nur in Notlagen!
Wir halten uns weiter an unseren Premiumweg, genießen den Traum von einer schönen Aussicht und überqueren kleine Bachläufe. Bis der erste „Fluss“ kommt. Dieser lässt sich nicht ohne Weiteres überqueren. Also bauen wir Übergänge aus Steinen. Das machen wir heute noch öfter. Im Sommer kann man das vergessen. Da würde ich den Weg auch nicht empfehlen. Zu wenig Schatten.
Wir kommen auf die nächste Anhöhe. Von hier aus kann man gut sehen, wie man auf die andere Seite der Nebrodi kommt. Die Berge um Floresta sind sichtbar. Hinter uns könnte man den Monte Soro bei klarem Wetter erkennen.
Steffi will jetzt lieber auf den links von uns liegenden Grat – er erinnert sie an den Dragon’s Back in Hongkong. Den sind wir vor Jahren mal entlanggelaufen. Der Wanderweg geht rechts um den Grat herum. Aber verlaufen wegen Steffi. Was ganz Neues. Normalerweise will ich auf den Berg, und sie findet es überflüssig. Natürlich bin ich dabei.
Wir folgen den Ziegenpfaden, die eigentlich Wanderwegen gleichen. Zwar sind sie schmal, aber immer gut erkennbar. Wie immer links der Rocche Crasto und rechts die Hügel vor Floresta. Der Weg wird immer spektakulärer. Aufwärts am Grat entlang – immer wieder kommt ein Gipfel, und wir denken, es müsste danach runtergehen. Nichts da. Vor jedem Gipfel beschleicht uns das Gefühl, dass es das jetzt war und wir wieder umdrehen müssen. Aber nach dem dritten oder vierten sind wir oben.
Wieder könnte man eine tolle Aussicht haben. Bei uns überwiegt Dunkelheit. Die Landschaft liegt im Schatten der Wolken, und das Meer und die Inseln verschwinden im Dunst.
Unten sind Schafe. Da wollen wir hin. Dort ist auch wieder unser Wanderweg. Wir kommen immer wieder an Kühen vorbei. Kein Problem. Steffi war in ihrem früheren Leben Kuhhirtin und ist heute Landwirtin. Sie macht den Weg frei.
Wir kommen zu einem größeren Wehr. Hier wird es jetzt tatsächlich komplizierter, hinüberzukommen. Das letzte Mal in Kalabrien mussten wir barfuß durch. Da war es aber Sommer. Wir bauen wieder eine Überquerung und schaffen es dann trockenen Fußes.
Einige Kilometer und ein Picknick später kommen wir wieder zum Auto. Es geht die Serpentinen wieder Richtung Meer.
Eine sehr schöne Wanderung, macht Lust auf mehr. Eigentlich die perfekte Wanderung für meinen Freund Matthias. Spektakulär - man kann sie endlos verlängern, aber auch zu einem Spaziergang verkürzen. Spektakulär ist der dann auch. “Unfassbar” würde er sagen.