Pop on tour

Tanzparty! Von mir. Da kamen dann fast alle, um zu sehen, ob das wahr ist. Let’s Dance.

Die Geschichte hat eine Vorgeschichte.
Wie so oft fängt alles mit Entschämen an – shameless: Das ist eines meiner neuen Mantren. Guter Rat gewesen – führt zu erheblich mehr Spaß, als verklemmt zuzusehen. Ein Schritt meines Projekts „Entschämen“ ist Tanzen in der Öffentlichkeit. Geht immer und zu allen Songs: Let’s Dance to Joy Division. Diese Strategie hat mir auf Peters 50igstem geholfen: Mir hat’s Spaß gemacht, die Band war glücklich, und meine Familie war erstaunt. Die Idee der Tanzparty war geboren. Das Wie war kein Problem – einfach machen und sehen, was rauskommt. Das geht beim Tanzen wie beim Wandern. Kann nichts schiefgehen! Don’t Worry, Be Happy.

2025 ist der Pop on Tour. Mein Pop bei mir. Good Thing. Ok, er gehört mir nicht, aber ich habe eine enge Beziehung zu ihm. Der Verein zur Förderung der Popkultur e. V. wurde vor Jahren von uns als Speerspitze des Kampfes gegen die Gentrifizierung der Riemannstraße gegründet. Damals war um die Ecke das Molinari – mein Lieblingsrestaurant – und der Pop – mein Lieblingsplattenladen. Das Molinari habe ich irgendwann versucht zu unterstützen, indem ich keine reduzierten Gerichte und später nur noch die teuersten bestellte. Hat nicht hingehauen. Der Pop-Verein wurde gegründet, um den Popladen durch Mitgliedsbeiträge zu unterstützen. Seitdem gab es dort freitags Konzerte. Molinari und Pop sind längst weg. Der Verein ist seit 2025 heimatlos, und es gibt den Pop auf Tour. Dieses Mal kommt der Pop zu mir – Tanzparty im Büro. Am Weltfrauentag – Respect!

Girls just wanna have fun!

Freitag, 15:00 Uhr, Büro, Columbiadamm, strahlende Sonne und Hitze. In Berlin findet der Sommer im März statt. Dieses Jahr anscheinend am 7. März. Die Getränke sind geliefert. We opened a bar.

Wir haben ausreichend Bier bestellt. Außerdem gibt es fünf Kisten Cola für die Gäste, die Cola mögen. Ich kenne niemanden, der Cola trinkt. Jetzt kann ich beobachten, wie sich Cola in Flaschen über die Jahre entwickelt. Coca Cola.

Die Lautsprecher habe ich gestern von Moritz von Der Plan, gekauft und ins Büro geschleppt. Anscheinend sind sie optimal für Partys - Tanz den Gummitwist. Mal sehen. Letzte Woche war ich im Berghain. Das ist die Referenz.

Ich bin seit heute auch Besitzer eines DJ-Plattenspielers. Wahrscheinlich wird die Tanzparty der Beginn einer Serie. Die Musik legen Kurt Pyrolator Dahlke und Martin Vau Väterlein – DJ Diversité – auf.

Save the Date hab ich schon verschickt – die Gäste stehen bereit.

Problem: Nachbarn. Unsere Nachbarn mahnen uns bereits wegen Lichtverschmutzung ab. Turn Off the Light?

Was passiert da erst bei lauter Musik? Wir sind zwar als Lärmschutz zwischen Columbiahalle und Anwohnern gedacht. Loud places

Der Senat hatte das Ziel, dass ein Gewerberiegel die neuen Wohnungseigentümer davon abhält, die Schließung der Columbiahalle zu verlangen.

Es war wahrscheinlich nicht angedacht, dass der Lärmschutz Lärm macht. Wir hängen die Fenster mit Malervlies ab und stellen Filzpaneele davor. Stockdunkel – Darkroom im Columbiadamm.

Anonym und diskret. Sexpositivismus passt doch auch zum Weltfrauentag. Bei uns kennt jeder jeden. Everyone I know. Da hilft auch Dunkelheit nichts. Wir sind noch nicht der Kit Kat Club. Wir stellen eine Lampe auf. Turn On the Light! Ready for the Floor!

Samstagsroutine: erstmal zu Nan Goldin. Ich weiß gar nicht, was ich machen soll, wenn die Ausstellung weiterzieht. This Will Not End Well

Nur noch aufräumen? Die nächsten Stopps sind Mailand und Paris. Mit dem Nachtzug von Berlin zu erreichen. Vielleicht werde ich Groupie.

18:00 Uhr: Treffen mit den DJs im Büro. Die Technik wird aufgebaut. Das Licht – mit Nebel – installiert. Farbiges Licht.

Wir sind alle nervös. Keiner weiß, wie viele kommen werden. Kathrin rechnet mit sieben, Martin mit 100, Kurt lässt sich nicht in die Karten schauen, und mir ist’s egal. Um 20:00 Uhr ist jedenfalls niemand da. Langsam tröpfeln die Pop-Mitglieder ein. Unsere Freunde? Fehlanzeige – alle krank? Um 20:30 Uhr garantiere ich Martin, dass immer 15 tanzen werden. Wir sind schon 17 und haben einen Altersdurchschnitt von mindestens 60. In unserer Disco wird Weltmusik aufgelegt: La vie en rose

Ich überlege, ob es einen Unterschied macht, ob einer tanzt oder keiner, und entscheide mich, nicht zu tanzen.

Dann geht’s los. Wie im Taubenschlag. Keine Ahnung, wie viele. Im Darkroom bewegen sich Schatten im bunten Licht. Es sieht aus wie in einem lustigen Zombiefilm. Grüne, rote, blaue Punkte, Muster, Sterne beleuchten die Schemen der Tänzer:innen. Sie spiegeln sich auf den Körpern. Alle sind schön. Shiny happy people.

Kurt und Vau tanzen hinterm Pult.

Alles wiegt sich, zappelt, brodelt – Fenster gibt es nicht; es sind nur Joints und Zigarren erlaubt. Es wird dunkler, später, wilder – alles bewegt sich. Good Vibrations. Let´s Dance. Wir tanzen im 4-Eck. Disco 2000. Die Schwätzer sind längst weg. Nur noch Tanzende. That´s Entertainment. Am Ende tanzt Kurt allein zu seinem Song – ein perfekter Abend!

Schlafen geht nicht so einfach: I´m so excited. Can´t sleep. Am Ende bleibe ich einfach im Büro.

Der Morgen danach. Es sieht genauso aus, wie es aussehen muss – verheerend. Last nite! Keine Ahnung, wo man anfangen soll. Hunderte von Bierflaschen, halbvolle Gläser, Aschenbecher, Möbel, Technik.


Abhauen oder alles abbauen? Es ist auch viel zu dunkel, und Licht anmachen ist zu grell. Unsere Reinigungskraft kommt, um zu helfen. Sie sagt: „Weltfrauentag? Wie immer: Ich putze, und mein Mann macht nichts!“ Was soll man als Mann auch tun am Feiertag?

Verkatert räumen wir alles auf. Kurt die Technik, wir anderen den Rest. Der Sommer bleibt – wir machen Urlaub vor dem Büro. Sushi in der Sonne. Champagner und Bier sind noch da. Cola auch. Wir versuchen’s mit Wasser. Ich erinnere mich an die alten Zeiten, als es solche Nächte öfter gab, und gehe zu Hagen in den Park – Konter Bier trinken.


Zum Hören:


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