Das Ziel ist der Weg (nach Scafa)
Mit Milou auf einem Gewaltmarsch nach Scafa - fast vom höchsten Dorf Siziliens ans Meer. 7 Stunden, 30 km - viel Spaß beim Nachlaufen.
Wenn man sich für absolut gar nichts entscheiden kann, ist diese Wanderung perfekt. Klar ist nur, dass Scafa ungefähr 30 km von meinem Ausgangspunkt entfernt ist. Mal sehen, ob ich es schaffe. Das hängt entscheidend von meiner Kondition und meinem verbliebenen Yang ab. Guru Schneider würde wahrscheinlich sagen, ich solle lieber zu Hause bleiben und über die Wanderung meditieren.
Immerhin habe ich Zeit, das Wetter ist herrlich und ich habe sogar Bargeld dabei. Mal sehen, wie lange ich es behalte.
Ich starte bei schönstem sizilianischen Oktoberwetter – also ca. 25 Grad und Sonne - ohne den Hauch einer Ahnung, wie ich nach Hause komme. Steffi hat mich auf dem Weg zum Flughafen in der Nähe von Floresta (dem höchsten Dorf Siziliens) an einer kleinen Abzweigung rausgelassen. Den Weg kenne ich nicht. Heute hätte ich auf keinen Fall jemanden mitgenommen. Ich wäre mit Sicherheit gesteinigt worden. Milou ist allerdings gut gelaunt, und eigentlich finde ich es auch ganz schön. Mal sehen, wie’s weitergeht.
Den ersten Teil des Weges erkenne ich dann doch – merke ich gerade. Das letzte Mal war ich hier im Nebel, und es ist schön, zu sehen, wie es tatsächlich aussieht (siehe Blog – Nebelwanderung).
Ich laufe den schönen Weg entlang, rechts von mir einer meiner Lieblingsberge: der Pizzo di Cucullu. Wie immer gehen wir daran vorbei, anstatt hochzulaufen. Das nächste Mal könnte das ja das Ziel sein, heute ist es einfach zu weit.
An einer Kreuzung steht ein weißes Pferd – unser erster Wegweiser. Hier biegen wir nicht links ab, sondern laufen geradeaus weiter. Der Weg lädt dazu ein. Es ist der reinste Matsch.
Nach etwa zweieinhalb Kilometern erreichen wir eine weitere Kreuzung. Ein breiter Weg führt rechts, ein schmalerer, verwunschener geht geradeaus. Natürlich nehmen wir den schmalen Pfad. Wer weiß, wo der endet? Es ist eine Trattoria. Wer hier nach ca. einer halben Stunde nicht rauskommt, hat sich verlaufen und sollte sich ernsthaft Gedanken machen.
Mein Freund Andi würde sagen, wir sollten erst mal ein Bierchen trinken. Milou und ich bleiben standhaft und suchen den weiteren Weg. Gar nicht so schwer – es ist die asphaltierte Straße bergauf, gleich neben der Hauptstraße.
Von hier aus können wir links den höchsten Berg der Nebrodi sehen: den Monte Soro mit 1847 m. Es ist der Hügel im Hintergrund, der mit den Antennen drauf. Etwas weiter rechts sieht man einen Felsen, der hinter den Hügeln hervorragt. Das ist mein Signature-Berg in den Nebrodi – der Rocche del Crasto. Dort gibt es auch eine spektakuläre Wanderung mit viel Wildlife – wilden Pferden, Geiern und Adlern.
Wer die Berge rechts von sich sieht, ist entweder total falsch oder läuft in die falsche Richtung. Wir kommen zu einer Abzweigung. Der steinige Weg führt geradeaus, links geht ein kleinerer, schönerer Weg nach oben. Natürlich nehmen wir den nach oben. Aber wie so oft endet der Weg an einem Gatter. Wir versuchen es rechts daran vorbei durch das Gebüsch. Ein Flop. Lieber unten bleiben. Also drehen wir um.
Allerdings geben wir der nächsten Abzweigung noch mal eine Chance. Wieder einmal wird mir klar: Ohne lange Hosen sollte ich (oder wer auch immer mit mir wandert) nicht unterwegs sein. Die Brombeersträucher kratzen, und alles andere sticht. Die Schmerzen werden zu groß – unser zweiter Rückzug des Tages.
Also laufen wir leicht frustriert den langweiligen, aber schönen Hauptweg bis zur nächsten Kreuzung weiter. Hier wird’s wieder spannend. Yin sagt links, Yang sagt rechts. Wir folgen Yang. Guru Schneider ist erst nächste Woche wieder dran.
Dabei finden wir unseren ersten Steinpilz und den ersten Gipfel des Tages: der Monte Roggimula, 1145 m hoch. Unsere erste Rast – Hundefutter und Apfel. Der Ausblick ist großartig: Wir sehen den Ätna, das sizilianische Matterhorn – den Rocche de Navara – und die Berge der Nebrodi. Und zum ersten Mal erblicken wir unser Ziel: das Meer, allerdings noch in weiter Ferne. Bisher eine super Wanderung, und die Entscheidung für den rechten Weg war definitiv die richtige.
Es geht einen schönen Pfad geradeaus weiter in Richtung Meer. Nach etwa 1 km entdecken wir rechts einen alten, grünen LKW – die nächste Wegmarkierung. Verlaufen kann man sich hier eigentlich nicht, der Weg schlängelt sich in Wellen geradeaus und ist immer sichtbar.
Wieder eine Kreuzung – links auf den Berg oder geradeaus hinunter? Natürlich nehmen wir den Berg. Der zweite Gipfel: Rocca di Poggio. Wieder eine fantastische Aussicht. Der Weg schlängelt sich weiter, immer in Richtung Meer. Wer sich hier verläuft, ist wirklich orientierungslos.
Der dritte Berg: Le quattro Finale. Das klingt ziemlich spektakulär. Eigentlich laufen wir aber nur einen Grat entlang und sammeln Gipfel.
Während ich auf meinen letzten Wanderungen über die Kanzlei, meinen nervigen Ex-Kollegen MAR, die Meldestelle oder sonstige "tolle" Sachen sinniert habe, denke ich heute an „Verlaufen mit Lorenz“ und warum ich das eigentlich mache. Dabei fällt mir auf, dass allein das Nachdenken darüber schon ein guter Grund ist. Vielleicht hatte ich doch mal eine gute Idee.
Jetzt brauche ich allerdings schon wieder eine. Der Weg gabelt sich. Geradeaus weiter auf unserem Gratweg – aber da liegen Kühe. Steffi glaubt zwar, dass die einem nichts tun, aber Glauben ist nicht Wissen. Und wie man Milou und mich kennt, gehen wir lieber kein Risiko ein. Rechts sieht es auch schöner aus, führt allerdings ins Tal, und da gibt es wieder ein Gatter. Also, durch das Gatter und runter durch einen schönen Hang.
Bei der nächsten Kreuzung halten wir uns rechts und laufen durch den Farn. Vielleicht war das falsch. An der nächsten Kreuzung lieber links halten. Rechts sah doch irgendwie nicht richtig aus. Geht doch – die beiden Wege treffen sich wieder.
Der weitere Weg ist traumhaft. Selbst im Oktober ist noch vieles grün, auch wenn die Hänge mit Farn schon leicht bräunlich gefärbt sind. Zwischen den Bäumen auf der linken Seite blitzt ab und zu das Meer hervor (Es sollte auf jeden Fall links sein – sonst ist man unheilbar verloren). Trotzdem sind wir immer noch mindestens 15 km vom Meer entfernt.
Jetzt kommt die Entscheidung des Tages: Rechts runter nach Sinagra (circa 2 Stunden) und dort versuchen zu trampen oder links in Richtung Castelumberto (circa 1,5 Stunden) und von dort die letzten 17 km irgendwie nach Hause. Ohne zu spoilern: Beide Entscheidungen sind richtig, wenn man in Sinagra oder Castelumberto ein Auto stehen hat. Ansonsten sind beide gleich falsch.
Wir entscheiden uns für links – ab ins Nirgendwo. Ab jetzt wird's kompliziert. An der nächsten Kreuzung gehen wir links hoch statt rechts runter. Eigentlich wollen wir ans Meer. Wahrscheinlich hätten wir besser auf dem Grat bleiben sollen, anstatt jetzt wieder hochzukraxeln. Ich fange langsam an zu zweifeln, ob ich das überhaupt schaffe. Wir haben noch nicht mal die Hälfte hinter uns und laufen schon eine ganze Weile. Aber: Das Ziel ist der Weg. Irgendwo kommen wir schon an.
Es geht wieder abwärts. Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen? Der Weg bleibt traumhaft. Wir laufen am Hang entlang durch einen verwunschenen Wald. Optimal zum Verlaufen. Ich bleibe lieber auf dem Hauptweg, statt die hübschen Abzweigungen nach links oben auszuprobieren. Voila, jetzt geht’s auch wieder hoch.
Nach einer Weile haben wir einen großartigen Blick aufs Meer. Hier wird einem die Tragweite der letzten Entscheidung deutlich: Das Meer ist unten, wir sind oben. Das bedarf einer Korrektur. Irgendwann müssen wir rechts runter.
Wir schaffen es an einer Kuh vorbei und erreichen eine Asphaltstraße, der wir dann rechts bergab folgen. Trotz Asphalt ist der Weg schön, und ich widerstehe den zahlreichen noch schöneren Abzweigungen. Ich bin scheinbar schon etwas erschöpft. Vor uns tauchen die ersten anderen Wandernden des Tages auf – allerdings in Anzug und Krawatte. Italiener*innen, also muss hier irgendwo ein Restaurant sein.
Die Straße wird breiter und besser asphaltiert. Keine Autos, aber ein schöner Wanderweg sieht anders aus. Wir müssen da wohl durch. Nach etwa anderthalb Kilometern soll der Parco Ecologico von Castelumberto kommen. Mal sehen, wie es weitergeht. Die Landschaft ist wie immer schön, auch wenn es nur eine Straße ist. Wir biegen dann doch bei der nächsten Gelegenheit rechts ab ins Gebüsch – dort ist ein Grat und man kann ins Tal sehen. Wir versuchen im Wald am Bergkamm weiter zu laufen. No Risk no Fun. Wir finden einen kleinen Trampelpfad, den wir entlanglaufen. Hier ist es super. Tolle Blicke links und rechts. Wie so häufig ist es nur ein kurzes Vergnügen. Wir stampfen dann doch über Stock und Stein und Brombeersträucher und landen dann doch wieder auf der Straße – wenigstens unverletzt. Wir kommen an einen Pinienwald. Milou geht ihrem Lieblingshobby nach und jagt Pinienzapfen. wir haben jetzt 15 km hinter uns; sind also aus der Kategorie „Spaziergang“ raus. Ab jetzt sind wir bei „Wanderung“.
Endlich erreichen wir den Parco Ecologico von Castelumberto. Wir laufen links daran vorbei, denn da sieht der Weg weniger zivilisiert aus. Tatsächlich finden wir einen Zugang zum Park und gehen quer hindurch. Für mich sieht das eher wie ein riesiger Picknickplatz aus. Milou ist begeistert – es gibt Wasser und Essensreste. Für mich gibt’s wenigstens einen Müsliriegel.
Im Park entdecken wir einen kleinen See mit Enten. Ich fühle mich wie im Branitz Park in Cottbus. Wir springen wieder über einen Zaun, weil wir den Ausgang nicht finden.
Jetzt wird es schwierig, einen schönen Weg zu finden. Wir sind mitten in der Zivilisation. Es wird wohl noch 15 km Leiden.
Aber auch die Zivilisation hat ihre schönen Seiten: Wir kommen am Fußballstadion von Castelumberto vorbei. Hierhin hat es uns wohl wegen Kathrin verschlagen - sie findet Stadien super. Der Fußball spielt hier jedenfalls nur eine Nebenrolle. Der Hauptakteur ist die atemberaubende Aussicht auf die Äolischen Inseln. Ich wäre beim Elfmeter auf dieser Seite so abgelenkt, dass ich den Ball mit Sicherheit über das Tor schießen würde. (Ohne Aussicht habe ich meinen einzigen Elfmeter jemals beim Stand von 6:0 an den linken Pfosten geschossen – auch nicht besser).
Wir können schon Ponte de Naso sehen. Von dort sind es nur noch 3 km, allerdings sind es bis dahin noch 17 km. Unser erster Versuch, zu trampen, scheitert. Erstens sehen wir nur zwei Autos, und zweitens halten die nicht einmal. Wahrscheinlich sehen wir schon zu mitgenommen aus.
Nun geht es tatsächlich ins Tal, und wir versuchen unten an der Hauptstraße weiterzukommen. In schönen Serpentinen (leider asphaltiert, aber auch so löchrig wie immer) geht es runter. Man fragt sich, welches Auto hier jemals hochfahren soll. Aber Google Maps schickt einen in Sizilien gerne auf solche Sträßchen. Bei uns wären das Wanderwege. Als mich Google einmal mit dem VW-Bus auf so eine Straße geschickt hat, habe ich Rotz und Wasser geschwitzt. Als ich in einer Kurve stecken blieb und nicht mal Fußgänger*innen an mir vorbeikamen, dachte ich, sie müssten mich mit einem Hubschrauber rausholen. Jedenfalls sind das Wege, die man besser zu Fuß als mit dem Auto nutzt.
Inzwischen bin ich gedanklich mit meinem Blog durch. Ich hoffe nur, dass ich das technisch alles umsetzen kann. Gestern war's doch etwas holprig.
Nach 19 km frage ich mich, warum ich zum Teufel 5 Stunden alleine wandern wollte. Aber ich mag es, neue Wege zu entdecken und darüber nachzudenken, warum ich eigentlich wandere. Außerdem interessieren mich Abenteuer und Herausforderungen – zumindest bis jetzt. Jetzt steht schon wieder ein Tier auf der Straße – das reinste Wildlife. Inzwischen sind wir bei 20 km – Kategorie „Gewaltmarsch“.
Wir sind fast im Tal. Leider auf einer richtigen Straße. Wahrscheinlich eine Spende der EU – hier fahren keine Autos, weil weiter unten parallel die Bundesstraße verläuft. Wir würden lieber im Auto sitzen, als weiter zu laufen. Zum Fahren ist die Straße jedenfalls super.
Es wird jetzt wirklich lang. 24 km, 6 Stunden gelaufen, und noch 6 km vor uns. Willkommen zurück, Yang. Disziplin ist alles. Wenigstens bekomme ich unterstützende WhatsApp-Nachrichten, die mir ein Bier in Aussicht stellen. Ich beschleunige – Strecke machen.
Endlich am Meer: Nach 6 Stunden, 51 Minuten und 28,3 km erreichen wir den Strand im Sonnenuntergang.
Nach 2 km Strandspaziergang erklimmen wir an der Testa di Monaco die letzten Stufen zu unserem Grundstück. Mir fällt auf, dass nicht mal Milou ins Wasser wollte – es war also wirklich ein langer Weg.
Fazit: Diese Wanderung hat vor mir wohl noch kein Mensch gemacht, und nach mir will es auch keiner mehr tun. Der erste Teil ist wirklich super. Wenn man bis nach Castelumberto oder Sinagra läuft, ist es ein Traum. Den Rest sollte man nur wandern, wenn man wirklich wissen will, wie lange es noch geht.
Mit diesen links kannst Du die Wanderung auf komoot sehen: