Durch die Nacht mit …
dem Linienbus von Cottbus nach Berlin. Eine skurrile Reise durch den nächtlichen Spreewald mit Happy End.
12. September 2024: es fing damit an, dass Kathrin und ich einen weiteren Versuch unternahmen, unser Cottbuser Büro zu reanimieren. Nach Jahren des Stillstands war die Meinung im Berliner Büro einhellig: Die Cottbuser Niederlassung muss geschlossen werden – am besten sofort. Bis Kathrin kam und alle vom Gegenteil überzeugte (oder überzeugen wollte).
Nach intensivem Networking hatten wir uns weitere örtliche Attraktionen Cottbus’ angesehen, um in Berlin erzählen zu können, wie toll Cottbus ist. (Cottbus *ist* toll – man muss nicht gleich hinziehen, aber besuchen kann man es auf jeden Fall). Diesmal waren es das brandenburgische Staatstheater und die „Weinfreundin“.
Jedenfalls stehen wir am Ende am Bahnhof in Cottbus. Alles easy – wir hatten das Leihfahrrad abgegeben, und jetzt sollte es nach Hause gehen. Ein Blick auf die Anzeige: Alle Züge nach Berlin fallen aus! Übernachtung in Cottbus? Gibt es einen Schienenersatzverkehr nach Berlin? Zwei schwer bewaffnete Sicherheitsbeamte nicken auf die Frage nach dem Ersatzverkehr – mehr war nicht herauszubekommen. Optimistisch kaufen wir zwei Bier und Döner bzw. belegte Brötchen für die Reise und machen uns auf die Suche nach dem Ersatzverkehr.
Tatsächlich gibt es einen Schienenersatzverkehr. Ein Bus soll um 22:00 Uhr nach Königs Wusterhausen fahren. Dort könnte man gegen 24:00 Uhr in die S-Bahn steigen. Wir warten am Busterminal. Um uns herum rauschen die Busse mit gefühlten 100 km/h durch die Terminals – bei uns passiert gar nichts. Sieht nicht nach Ersatzverkehr aus. Aber dann kommen Menschen – diesmal ein gutes Zeichen. Punkt 22:00 Uhr: Der Bus kommt. Es ist ein städtischer Linienbus. Wir steigen ein. Sicherheitsmaßnahmen wie Gurte gibt es nicht. Eine Toilette oder sonstige Annehmlichkeiten, die man von einem Reisebus gewohnt ist, natürlich auch nicht. Dafür gibt es Platz für Kinderwagen. Wir sitzen auf zwei Klappsitzen. Neben mir mein Klapprad und mein Nachbar.
Es geht los – es ist stockdunkel, Großstadtlichter und der Linienbus nach Berlin. Ganz cool. Ich habe Zeit; morgen ist Freitag, mein freier Tag. Mal sehen, wie es weitergeht.
Erste Verunsicherung: Der Bus hält in einer dunklen Gasse. Die Fahrerin steht auf – roter enger Trainingsanzug, Botox-Lippen, künstliche Fingernägel, braun und dunkelhaarig – *Night on Earth*. Jim Jarmusch hätte seine Freude. Sie sieht aus, als hätte der Schichtleiter sie direkt aus der nächsten Disco in den Bus beordert, mit dem Befehl, uns nach Berlin zu bringen – tot oder lebendig. Jedenfalls fragt sie den nächsten Fahrgast, wo’s langgeht. Google Maps konnte ihr nicht weiterhelfen.
Wir schaffen es aus der Stadt und ruckeln über die Landstraßen. In den Kurven sitze ich halb auf dem Schoß meines Nachbarn, der das aber alles geduldig erträgt – wie übrigens alle anderen Fahrgäste die Widrigkeiten der Fahrt auch. Meiner Meinung nach haben wir nach einer halben Stunde Fahrt schon eine Stunde Verspätung. Allerdings sind die Mitfahrer sehr ortskundig und sagen der Busfahrerin Bescheid, wenn sie umdrehen, rückwärts von der Bundesstraße runterfahren oder den nächsten Kreisverkehr nehmen muss.
Unser Bus ist so eine Art „Bustaxi“ – die Gäste sagen der Fahrerin, wohin sie müssen. Nur: Wir sind die Letzten, und bis Berlin fährt sie nicht.
Wir genießen die nächtliche Fahrt durch den Spreewald und erzählen uns unsere Lebensgeschichten. Es gibt Unterschiede. Am Ende verstehe ich es dann: Jeder Mensch ist einzigartig. Ich muss meinen Blickwinkel überdenken. Beim Erzählen fällt einem auch auf, wie gut alles gelaufen ist – (ich habe vielleicht auch ein bisschen geschönt). Aber trotzdem: Glück gehabt.
Es wird später und später. Selbst wenn wir jemals ankommen sollten, fährt sowieso keine S-Bahn mehr. In Brand, beim Tropical Island, steigen sogar noch Leute zu.
Doch dann geht’s auf die Autobahn (darf man da mit einem Linienbus überhaupt fahren?). Jedenfalls geht es jetzt zügig voran. Zack – wir sind da: Bahnhof Königs Wusterhausen. Wir erwischen noch eine S-Bahn, steigen am Alex aus und sind froh, dass wir die Fahrt gut überstanden haben. Am Ende ging alles ganz schnell – um 2 Uhr war ich zu Hause. Eigentlich war es schön. Der deutschen Bahn sei Dank.
Empfehlungen zum Nachahmen:
Weinfreundin Vinothek https://www.weinfreundin-cottbus.de/
Staatstheater Cottbus https://www.staatstheater-cottbus.de/
Deutsche Bahn https://www.bahn.de/
für den Rest braucht man insbesondere die Busfahrerin und die handelnden Personen