Volle Pulle oder Pole Pole?
Mit dem Deutschlandticket von Berlin nach Pforzheim (Tag 1)
Fliehen und nicht ankommen! Mit dem Deuschlandticket Richtung Pforzheim
(Eine lange Reise – auch lang zu lesen)
11.9.2024:
Tag 1: (Cottus) - Berlin – Dessau – Leipzig – Weimar
Angefangen hat die folgende, lange Geschichte in Herzogenaurach auf einem Karatelehrgang. Mein Freund Andi erzählte über sein Deutschlandticket, und mir fiel auf, dass ich den Nahverkehr mag, es der Deutschen Bahn schlecht geht und ich mir eigentlich auch ein Deutschlandticket kaufen könnte. Gedacht, getan – geht alles online, ruckzuck hatte ich ein Deutschlandticket. Ich brauche halt keins. Ich fahre Fahrrad, nach Prieros fahre ich mit dem Auto, und wenn ich Zug fahre, fahre ich ICE, 1. Klasse, und arbeite. Das war wohl eher eine Spende, dachte ich. Vier Tage später hätte die Bahn mir wahrscheinlich am liebsten das Ticket wieder abgenommen.
Freitagmorgen, 8.00 Uhr, ich war fix und fertig von meiner nächtlichen Reise aus Cottbus (Blog: durch die Nacht mit) und hatte keine Ahnung, wie ich das Wochenende mit meiner Mutter bewältigen sollte. Ich muss am Wochenende nach Pforzheim und meine Mutter treffen. Wir hatten ihr Haus entrümpelt. Nach ihrem Sturz konnte sie die Treppen nicht mehr hoch, und wir dachten, Entrümpeln wäre gut vor dem Verkaufen. Jetzt sah es aus wie nach einem Überfall. Wenn sie das erlebt, wird sie hundertprozentig das Haus nicht freiwillig verlassen, bevor es nicht aufgeräumt ist. Das würde ich nicht mehr erleben. Jetzt ruft die Pflicht, und alles sträubt sich in mir.
Erst einmal turnen und meditieren; ich legte mich auf meine Yogamatte und wartete auf die Eingebung.
Der reinste Horror, und dafür 1.500 km an einem Wochenende Zug fahren - aber es gibt ja das Deutschlandticket. Gut meditiert - die Lösung: der Zug fährt langsam, und ich komme trotzdem an – je später, desto besser.
Die R7 kenne ich noch von letzter Nacht – Cottbus nach Dessau. Beides liegt eigentlich schon in der richtigen Richtung. Probieren wir es aus. Laut DB Navigator fährt um 9:00 Uhr die Bahn in Richtung Dessau und etwas später der Zug in Richtung Cottbus. Let’s go. Brompton ist fertig, Klapprad-Tasche steht auch schon rum. Habe ich alles dabei? Kopfhörer, Handy, Computer, iPad, Notizbuch, zwei Unterhosen, ein T-Shirt, Zahnbürste, Zigarren. Ich ziehe mir Wanderklamotten an, mit denen kann man alles machen, und los geht’s. Wenn ich den früheren Zug bekomme, fahre ich nach Dessau; wenn nicht, dann fahre ich halt nach Cottbus (obwohl ich das nicht präferiere. Da war ich ja erst gestern). Also trete ich in die Pedale und versuche, den Zug nach Dessau zu kriegen – schnell fahren, schnell einklappen, schnell rennen, und zack, sitze ich im Zug. Allerdings hat mein Fahrrad schon wieder eine Panne. War gestern Nacht schon das Gleiche. Also Taschentuch besorgen und Kette flicken. Das bekomme ich hin, dafür ist jetzt die Gangschaltung kaputt. Ok – mein Praktikum im Radladen in Pforzheim als 16-Jähriger hat nicht viel gebracht. In der Tasche findet sich noch das halbe Brötchen von gestern Nacht – Frühstück.
Die Fahrt ist schön, schön langsam. Ich sehe alles, höre Nilüfer Yanya und schreibe Tagebuch. Wie immer bei mir wiederholt sich alles – wahrscheinlich reichen mir immer die gleichen Erfahrungen, weil ich alles sofort vergesse. Jetzt will ich meine Handschrift verbessern – habe ich auch schon seit den 80ern immer mal wieder erfolglos versucht. Diesmal mit Tagebuchschreiben – ich habe mir zur Motivationssteigerung erst einmal ein Traveller-Notebook gekauft (nachhaltig: auf eBay Kleinanzeigen – ich verliere es wahrscheinlich gleich wieder).
Also schreibe ich meine Erfahrungen der letzten Zeit – vor allem der August war hart. Der September hat es aber auch schon wieder in sich – ein ständiges Auf und Ab.
Jedenfalls komme ich in Dessau an – es ist kalt und bedeckt. Dennoch radele ich zum Bauhaus, schaue mir die Meisterhäuser an und kaufe Mitbringsel. Laut ChatGPT muss ich nach Leipzig und von dort entweder nach Nürnberg oder Erfurt. Ich will am frühen Abend irgendwo ankommen, um noch meinen Zielort zu besichtigen. Nürnberg würde mir gut gefallen; da war ich noch nie.
Am Bahnhof erwartet mich meine erste Langsamkeitsprobe – nach heute Nacht war’s eh klar: Da, wo ich hinwill, fahren keine Züge. Alle Züge nach Leipzig fallen aus – gestern waren es die nach Berlin. Der ICE nimmt mich trotz Sperrung nicht mit – also heißt es warten – Stunden, bis die S-Bahn kommt. Damit ist klar, dass ich weder Nürnberg noch Erfurt erreiche – ich hätte eine Chance, bis Weimar zu kommen. In Leipzig muss ich mir allerdings erst einmal einen Schal kaufen – es ist wirklich winterlich. Die Klimakatastrophe geht in beide Richtungen. Eine kurze Radtour durch Leipzig reicht mir. Super Stadt, großstädtisch, viel los und unbedingt einen richtigen Besuch wert. Ich erwische tatsächlich den Zug nach Erfurt. Es ist eine tolle Reise: Ich fahre, schaue, denke, höre, steige aus, besichtige etwas, fahre wieder, usw. Immer gleich, trotzdem immer etwas anderes. POLLE POLLE (laut Lotta Kisuaheli für „langsam, langsam“). In dem Tempo ist das eigentlich wie (Auto-)Wandern. Ich genieße das Saaletal. Top. Hier könnte man einen Betriebsausflug hin machen. Schreibe ich sofort auf. Mit jedem Kilometer merke ich, wie ich mich weiter entspanne. Dieses langsame Reisen und das Anhalten in Orten, von denen ich noch nie gehört hatte, zum Beispiel Bad Kösen (sieht sehr schön aus), bringt einen doch ziemlich runter. Mir kommen die verschiedensten Gedanken über mein Leben in Berlin, in Sizilien, meinen Beruf. Wir zuckeln so dahin, ich genieße die Musik, die Landschaft und das Nachdenken. Ab und zu schreibe ich dann auch mal etwas auf. Ich überlege sogar wieder zu zeichnen. Das war beim letzten Mal schon ein Flop, hat aber zumindest meine Handschrift verbessert.
Ich google, ob man in Weimar überhaupt übernachten kann. Kein Problem. Es gibt den Elefanten oder ein Hostel. Das Hostel hat eine Dachterrasse, auf der man sicher super Zigarren rauchen kann.
Angekommen. In Weimar schwinge ich mich aufs Rad und versuche, dieses Hostel zu finden. Nachdem ich fünfmal um den Block gefahren bin – verloren mit Lorenz – finde ich es doch. Ich fühle mich wie meine Töchter. Mir wird erklärt, wie ich in der öffentlichen Küche koche und die restlichen Nudeln essen darf. Ich soll mein Bett beziehen und morgen wieder abziehen. Bad und Dusche sind auf dem Gang. Wenigstens habe ich ein Zimmer allein, und es hat ein Fenster. Ich esse nicht die restlichen Nudeln, sondern gehe aus. Weimar ist wirklich schön.
Aufs Rad und zum Sonnenuntergang in den Park an der Ilm. Statt Sonne gibts Regen. Trotzdem schön. Ich hatte mir ein Bier auf einem Festival gegen rechts gekauft und sitze im Regen unter einer Eiche und schaue mir Schafe an. Es ist eigentlich wie im Lake District – ich schicke Lotta Schaffotos zur Erinnerung.
Ich warte auf besseres Wetter; macht nichts, bin schon ganz entschleunigt - der nächste Schitt ist ein Schweigeretreat. Die Sonne kommt dann noch und geht gleich unter - aber mit Regenbogen.
Auf der Fahrt zurück bleibe ich ein bisschen auf meinem Konzert gegen rechts – am Wochenende hat Höcke Thüringen erobert und ich bin froh, dass es wenigstens 50 Widerstandskämpfer:innen in Erfurt gibt. Ich hatte es mir schlimmer vorgestellt, und die 50 sind gut gelaunt und offensichtlich optimistisch.
Ich gehe Wein trinken, essen und ende dann wie geplant auf meiner Dachterrasse - trinke, rauche und höre Soundcheck. Alles wie zu Hause – nur woanders. Toller Tag - wie kann man Schlechtes über die deutsche Bahn sagen?