Lotta auf der Höri

Von Gaienhofen nach Stein am Rhein

Wer sich mit der Höri anfreunden will, muss nur unserem Weg folgen. Kunst, Kultur, liebliche Landschaften, Aussichten, Schluchten und Tobel, Höfe, Fachwerkhäuser, eine Burg und eine Dampferfahrt: alles an einem Tag. Das Einzige, das hier nicht passiert, sind Abenteuer. Wahrscheinlich sind deshalb alle so entspannt.

Die eigentliche Wanderung beginnt an der Bushaltestelle in Gaienhofen. Die ganze Höri ist fest in touristischer Hand. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu reisen, ist kein Problem.

An der Bushaltestelle macht man sich auf den Weg – rechts die Strasse hoch Richtung Hermann-Hesse-Weg. An der Kreuzung entscheidet man zwischen Natur – geradeaus in den Erlenloh, wo wir am Tag zu vor Rehe gesehen haben oder Kultur – also links zum Hermann Hesse Haus. Wir beide haben natürlich keine Ahnung. Ich kenne das Haus als das Wohnhaus meines Jugendfreundes Andreas Wentig und Lotta kennt es gar nicht. Nicht so wicht - er wohnt hier auch seit 1912 nicht mehr. Wenigstens schlafen wir im Hermann-Hesse-Weg – vielleicht färbt etwas Kultur ab.

Wir steigen erst am Ende des Weges in die Wanderung ein. Rechts geht es auf einen kleinen Pfad Richtung Hemmenhofen. Und kaum aus dem Dorf der erste Ausblick auf die Apfelplantagen, den Untersee und Steckborn in der Schweiz.

Schon jetzt ist klar, worauf es hinauslaufen wird: liebliche Landschaften, schöne Aussichten. Viel Asphalt, wenig Verlaufen. Wir folgen dem kleinen Weg und nehmen die erste Abzweigung links die asphaltierte Strasse entlang Richtung See. Wir erreichen das Ufer. Der See ist kristallklar. Sand auf dem Grund. Keine Algen, keine Fische. Brütende Blesshühner und Enten.  

Meine Mutter meinte, wir sollten dem Ufer entlang nach Stein am Rhein laufen. Schwäne füttern, Kindern in die Boote helfen, sich mit Rentner:innen unterhalten, Badende sehen. Ich finde Schwäne blöd, helfe nur meinen Kindern, Eisschwimmen ist auch nichts für mich und ich habe heute schon mit meiner Mutter geredet. Also nichts mit See, sondern Berge. Wir gehen die Strasse entlang den Berg hoch. Plötzlich stehen wir vor dem Schild „Otto-Dix-Museum“.  Dix sagt mir schon mehr als Hermann Hesse. Mein Großvater war mit seinem Nachbarn Dix gut befreundet und hat mir als Kind viel von ihm und seiner Familie erzählt. Als Jugendlicher habe ich seine expressionistischen Großstadtbilder in der Nationalgalerie in Stuttgart gesehen und mich gewundert, warum die so anders aussehen als die Bilder von Hähnen, Blumen und Landschaften bei meinen Großeltern. Wir finden das schöne Haus mit Monsterblick auf den See und schönen kleinen architektonischen Details wie die doppelwandigen Blumenfenster, in denen die Kinder auch spielen konnten. Trotz Besichtigung samt Audioguide finden wir keine Spuren meines Großvaters im Haus und wir ziehen weiter die Strasse durch das Dorf hoch. Auf der rechten Seite der erste Hof – der Sonnenhof. Wir halten uns links immer parallel zum See auf der Höhe. Spargel, Obstbäume, Äcker und Wiesen. Idylle pur. Fehlt nur Neuschwanstein. Mir geht es wie Otto Dix.

„Ein schönes Paradies. Zum Kotzen schön. Ich müsste in die Großstadt! Ich stehe vor der Landschaft wie eine Kuh.“

Lotta gefällt es umso besser. Keine lorenzischen Abkürzungen, die ins Nirwana führen. Keine gefährlichen Kletterpartien, sondern einfache, gut sichtbare Wege.

Das Einzige, das ihr nicht passt, ist das Tempo. Joggen wäre ihr lieber. Ich könnte mir Trailrunning vorstellen. Aber ohne Trail geht das auch nicht. Also folgen wir den Wegen durch die Postkartenlandschaft und philosophieren über die richtigen Wanderschuhe für den Jakobsweg.




Lotta fährt übermorgen nach Porto, um den portugiesischen Teil des Weges zu nehmen. Meine Mutter findet den zwar „beschissen“,  da er überlaufen ist. Das lässt sich vom Altersheim leicht sagen. Lotta lässt sich nicht beirren. Hauptsache, sie nimmt die Schuhe mit, von denen ich ihr abgeraten habe.

Wir treffen immer wieder auf den mit der gelben Raute markierten Wanderweg, was mich  weiter verunsichert, ob meine Planung die Richtige war. Als wir links abwärts dem Asphaltwanderweg nach Wangen folgen, verfluche ich meine Vorbereitung. Ich wollte unbedingt in die Klingenbachschlucht – da war ich schon mit Milou und fand es toll. Meiner Erinnerung nach war die Schlucht aber nicht im dicht besiedelten Wangen am See, sondern in einem Wald auf der Höhe. Leicht angefressen komme ich mit Lotta in Wangen an und wir biegen sofort rechts ab und kraxeln die Strasse wieder hoch. Alles Wanderweg, alles Asphalt und das Auf und Ab hätte man sich bei sorgfältiger Planung sparen können. Perfektion und Sorgfalt sind nicht meins. Mit den Folgen müssen alle leben. Vielleicht machen Fehler schlau. Sieht man bei mir nicht direkt. Aber Lotta macht mir Hoffnung, dass man sich auch in diesem Alter noch entwickeln kann. Vielleicht möchte sie auch nur nett sein.

Wir sind wieder auf der Anhöhe, haben wieder die weite Sicht auf See, Schweiz, blühende Obstbäume und schöne Bauernhöfe, um dann an einem Schild – Klingenbachschlucht 3 km – zu landen. Also doch. Auch der Blinde findet ein Korn.

Wir finden dann auch den Eingang zur Klingenbachschlucht. Ein kleiner Trampelpfad, der links in den Wald führt. Wir halten uns an den Bachverlauf, neben uns Bärlauchfelder, über Brücken und Schlammpfützen. Erinnert ein wenig an das Monbachtal im Schwarzwald.

So schön es ist - wir gehen das Klingenbachtal nicht bis ans Ende. An der Wandermarkierung nehmen wir den Anstieg rechts den Hügel hinauf. Uns interessiert nicht der schnelle Weg nach Stein am Rhein. Wir wollen über den Hohenklingen.

Wie man sich denken kann, endet das Abenteuer im Wald nach wenigen Minuten und wir finden uns in den Wiesen der Höri wieder. Wieder Wanderweg. Wieder Höfe. Tierzucht. Ackerbau.

Jetzt kann ich mich dann doch nicht länger zurückhalten. Ganz ohne Improvisation geht auch nicht. Wir biegen vom Weg ab und stapfen direkt durch die Wiesen, immer in Richtung Hohenklingen. Wer will schon immer auf Wegen wandern. So finden wir  unseren Rastplatz. Von einer schönen Bank genießen wir ein weiteres Mal das Panorama. Ein Blick auf die Karte zeigt mir, dass wir auch einfach direkt von Gaienhofen immer auf der Höhe hätten entlang wandern können. Wir testen die Müsliriegel für den Jakobsweg und machen uns auf Richtung Straße, die wir überqueren und dann geht es wieder etwas abwärts. Nachdem wir die Fragen der Wanderausrüstung geklärt haben, sind jetzt die körperlichen Beschwerden Thema. Die klassische Medizin  hat uns beide im Stich gelassen. Wir versuchen es mit der Heilung durch traditionelle chinesische Medizin, Schamanismus, Naturheilverfahren. Ab jetzt betrachten wir jedes Leiden ganzheitlich. Gesunder Körper, gesunde Seele. Durchlässigkeit. Auf den Körper hören. Oder Botox spritzen (hilft anscheinend gegen Kieferschmerzen). Guru Schneider wäre stolz auf uns.

Die Felder gehen in Wald über und wir folgen dem Pfad durch den Wald immer bergauf, bis wir die Anhöhe erreichen. Steil unter uns die Fachwerkhäuser von Stein am Rhein. Der Rhein schimmert hellblau. Weiße Ufer. Eine Insel. Weinberge. Und echte Berge! Im Dunst die Silhouette des schneebedeckten Säntis.


Wir stärken uns mit einem letzten Müsliriegel und machen uns auf den Abstieg. Überrascht erreichen wir die Burg Hohenklingen. Ich dachte, Hohenklingen sei ein Berg. Jedenfalls ist die Burg frisch restauriert und ist gut besucht.

Vom Restaurant hat man einen phantastischen Blick auf die Stadt, den Rhein und die Schweiz. Wir bleiben trotzdem nicht und nehmen die Stufen runter nach Stein am Rhein. Die Stadt ist voller Radfahrer, die sich um die Fachwerkhäuser mit Fassadenmalereien rund um den Rathausplatz tummeln, oder Touristen, die auf den Terrassen in der Sonne am Rhein sitzen. Schön. Idyllisch. Alle nett. Entspannt. Lotta ist begeistert. Es erinnert sie an Middelburg in klein. Da halte ich es wieder mit Otto Dix. Ich stehe eher auf Großstadt. Die Blues Drifters reizen mich weniger als Nilüfer Yanya.

Ein Eis. Eine neue blaue Trinkflasche … und es geht weiter.

Wie jede gute Wanderung endet auch diese mit einer Dampferfahrt. Wir schippern kreuz und quer über den See. Lotta bewundert die Segler (die auch ohne Wind segeln). Ich friere im Fahrtwind und dann sind wir wieder am Steg in Gaienhofen angekommen.

Tipptopp!


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Let´s fetz!