Let´s fetz!

Roge

6. bis 9. November 2025, Utrecht, Le Guess who?

Geburtstag! Abens rein- und morgens rausfeiern. Experimente tun gut!

6. November 2025: abends bin ich mit Lotta n Utrecht verabredet, um auf die ersten Konzerte des Le Guess Who? Festivals zu gehen. Meine Reiseplanung ist von vornherein eher schlecht: gestern habe schon 4 Stunden vom KuDamm nach Neuruppin gebraucht und heute will ich mit 4 mal umsteigen nach Utrecht. Die Nacht war auch schon kurz aber gut. Mein erster Zug hat bereits 6 Minuten Verspätung. Mit mehr Glück als guter Planung schaffe ich dann doch den ICE nach Utrecht. Das bringt mich bis nah an die holländische Grenze. Bis ein Suizidverdacht alle Züge stoppt Wir stehen. Warten. Am Ende geht es ohne Tote weiter. Aber die Rennerei hätte ich mir sparen können und einfach länger feiern. Lotta holt mich am Utrecht Centraal ab. Wir laufen zu unserem Zimmer - ein "Werfkelder". Hier waren wir schon mal - zu Hannah´s Graduation. Beide Töchter an der University of Utrecht - auch wenn Lotta in der Abteilung in Middelburg studiert hat. Keine Ahnung warum die die Niederlande meine Töchter so anziehen. Ich finde alles ganz niedlich aber auch ganz schön flach. Mitten durch die Altstadt läuft die Oudegracht. Oben die Fussgängerzone und auf der Höhe des Wassers eine zweite Straße an der die mittelalterlichen Keller- und Lagergewölbe liegen. Heute sind dort Cafe´s, Restaurant´s und Boutiquen - und unser Luxuskeller.

Der kurze Weg vom Bahnhof hat mir eines sofort klargemacht. In Utrecht verlaufe ich mit definitiv und immer wieder. Angesichts der vielen Kneipen und Restaurants - überall sitzen die Leute auf der Straße und trinken Bier, scheint mir das aber voll ok. Selbst ohne Orientierung finde ich mich auf Speisekarten zurecht. Angekommen: Geburtstagskuchen, Kerzen und Geschenk! Auch hier ist Geburtstag gut.

Es geht los - zum Tivolivreden; Le guess who?: Christoph hatte mir das Festival empfohlen: als Mitgesellschafter und Geschäftsführer des Festsaal Kreuzberg vertraue ich seinem Musikverstand blind und habe mit viel Glück 2 Tickets bekommen. Er hatte mir erzählt, das alle Konzerte - meist von unbekannten Bands - in einem mehrstöckigen Haus stattfinden. “Wahrscheinlich ein ehemaliges runtergekommenes Kaufhaus" denke ich mir als Berliner. Nicht in den Niederlanden. Alles sauber und neu. Das Tivolireden ist ein modernes Hochhaus. Neu, schräg, bunt 7 Konzertsäle auf höchstem Niveu - hier findet alles statt - Pop, Rock, Klassik, Theater. Nichts mit Untergrund und Subkultur. Lotta und ich gehen völlig baff durch die Ticketkontrolle.

Mir wird das zweite Mal heute abend klar, dass ich mich in Utrecht nie zurecht finde. Das hier ist der reinste Ameisenhaufen. Überall Treppen, Rolltreppen, Aufzüge, offene Stockwerke mit Esständen, Bars, Menschen fahren, laufen, sitzen. Alles bunt und in Bewegung.

Ich laufe Lotta in Trance hinterher und harre der Dinge, die da kommen mögen. Ein Blick auf das Programm bestätigt nur - hier ist Verlaufen Prinzip. Ich kenne außer Devendra Banhart gar nichts und in die Acts auf Spotify reinhören hat auch nichts gebracht. Lauter verschiedene Stilrichtungen und alle Künstler:innen haben mindestens einen Topsong. Höre auf deine Gefühle und vertraue dem Fluss des Lebens - mein aktuelles Mantra. Also los - "let´s fetz" würde Christoph sagen. Wir starten im Großen Saal. Gut zu finden. Er geht im Erdgeschoß los und endet irgendwo weit oben. Lido Pimenta eröffnet das Festival für uns. Kolumbianerin, die mit klarer, heller Stimme Songs singt, die ich nicht einordnen kann. Kein Cumbia. Keine neue Shakira. Experimentell. Indigen? Super Anfang.

Lido Pimenta

So schön es ist, uns treibt meine Fomo weiter. Wir lassen uns mit den Ameisen treiben und landen bei der Assiko Golden Band de Grand Yoff. Mindestens 10 in schwarz gelb gekleideten Trommler, die es im dunklen des Pandora krachen lassen. Alles tanzt und bewegt sich - auf der Bühne und davor. Nur wir sind noch etwas statisch. Das Programm sagt, dass die Musiker aus Dakar kommen und dort fester Bestandteil des dortigen Nachtlebens sind. Wir gehen - müde aber schon etwas beweglicher - nach dem Konzert durch das riesige Gebäude und entscheiden uns für die Los Wembler´s de Iquitos. Noch so eine Wundertüte. Diesmal kommt ein Haufen alter Männer in scheußlichen Hemden auf die Bühne und bringen alle zum Tanzen. Wir sitzen angeschlagen auf der Tribüne und schauen dem wilden Treiben zu. Pioniere des psychadelic Cumbia. Aus dem Amazonas in Peru. Schade, dass es kein Merchandise gibt. Das Hemd und die Platte hätte ich gerne. Ich bin todmüde und erkältet und wir entscheiden uns, noch ein bisschen in die Säle zu schauen und dann in unseren Keller abzuschieben.

Freitag, Dunkelheit, Schnupfen: Zimmer mit Fenster haben auch Vorteile - man weiß wenigstens ob es schon hell ist. Ich wecke Lotta mit Chigong und experimenteller Musik. Unser Programm heute. Nicht tanzen aber Neues erfahren. Wir gehen vor die Tür. Zwinkern. Sind geblendet. Sonne in Utrecht. In unserem Keller wird man zumindest vom Licht verschont. Wir sind früh unterwegs und gehen durch die noch leeren Einkaufsstrassen. Klamottenläden, Vintage Geschäfte, Restaurants - eines neben dem anderen. So viel Möglichkeiten, alles ähnlich und dadurch gar nicht so verlockend. Mir wird klar, warum Hannah sich hier während ihres Studiums nicht so wohl gefühlt hat. Charmant, niedlich, aber auch oberflächlich und gediegen. Das hier ist ist kapitalistischer als Vietnam. Alles geht. Überall wuseln Verkäufer oder Käufer. Man weiß gar nicht wohin mit seinem Geld. Wir finden nichts, aber das Centraal Museum . Ist mit unseren Bändchen am Handgelenk umsonst und auch nicht so voll wie die Vintage Läden. Wir lassen uns von Richard Moss - Broken Spectre bedrücken. Ein Film über die Zerstörung des Regenwaldes im Amazonas. Rote Bäume, blaue Flüsse, Rauch, Feuer, indigene Rufe nach Hilfe vom reichen Westen. Statt Hilfe von uns, hilft Bolsonaro den Goldschürfern. Selbst im Museum Kapitalismus. Das Prinzip überzeugt mich und ich gehe nach Hause geldverdienen - wie vermeide ich einen Streik ist meine heutige Aufgabe. Gelingt gut und wir gehen wieder aus. Ich habe uns die Bands rausgesucht und von Christoph kamen auch Tips. Wir wissen also wohin. Müssen es nur finden. Den Anfang machen Pram im Pandora. Zu experimentell. Dann: Ancient Indigenous Africans. Noch experimenteller. Wenn wir im 10 Minuten Takt die Konzerte wechseln, haben wir auf jeden Fall viel erlebt. Wir entscheiden uns für Daniela Pas. Italienerin. Pieterskirk. Emotionen und keine Experimente mehr. Davor aber noch zur Spacelady. Ein Tip von Christoph. Wie zu Erwarten: Überraschung. Eine 77-jährige zerbrechliche Lady mit silbernem Helm und roter Leuchtlampe steht an ihrem kleinen weißen Plastik Keyboard und singt Major Tom.

The Spacelady


Mein Top Act. Gefühl, Melodie und etwas schräg. So mag ich´s. Ich kauf mir auch einen Hut und weiter zu unserer Italienerin. Wieder anders als erwartet. Lotta erinnert die dunkle elektronische Musik mit roten Bildern in der Kirche eher an die Iluminati als an Rockmusik. Ich sehne mir Lucio Battisti herbei und wir brechen wieder einmal ab.

Nächster Stop: Ghadr im Hertz. Ein gediegener Konzertsaal. Nichts für Experimente. Eher für Klassik. Wir wissen nicht was uns erwartet und setzen und in die erste Reihe. In der Mitte. Im 3 Stock.

Ghadr

Was kommt, erschreckt uns. Flucht unmöglich. Wir sind eingekesselt. 40 Minuten später sind wir überrascht, was noch alles zu Musik zählt. Super Erlebnis. Ghadr ist auf jeden Fall Kunst und intensiv: experimentell. Das wird heute das Wort des Tages. Also auf zum nächsten Experiment: das Fragezeichen. “Le guess who?” Ich verstehe endlich den Namen. Jeden Tag eine Überraschungsband. Eigentlich egal. Wenn ich das richtig sehe, werden wir am laufenden Band überrascht. Diesmal sind wir im vollgepackten Ronda und lassen uns vom Krach der Indieband umhauen. Energie pur. Quietschende Gitarren, der Sänger schreit und stampft mit dem Fuss, Rockgesten - und Summen in den Ohren. Später erfahren wir dass das die Gilla Band aus Dubllin war. Wie sind von den Experimenten des heutigen Tages bedient und fallen in´s Bett.

Samstag: wieder schönes Wetter. Lotta ist verabredet. Ich kann machen was ich will, und mache was ich will obwohl ich gar nicht wusste, dass ich´s machen wollte. Irgendwie verlaufen und angekommen. Alles neu. Und dann: Videokonferenz mit Happy end, durch die Straßen tingeln, Mitbringsel shoppen - immer auf der Jagd nach dem Hoody - am Ende lande ich vor unserer Wohnung an der Gracht; sitze in der Sonne und trinke Bier.

Schön ist es. Wenn nur die Musik nicht wäre. Christoph und Gerrion holen uns zu den heutigen Abenteuern ab. Auf Roge können wir uns alle einigen und zu Recht.

Das Konzert des Festivals. Brasilianischer Samba aus Rio und Bahia. Ein Trommler und der brasilianische Liedermacher an seiner lädierten Gitarre. Der Saal sitzt erst und bebt dann. Was wäre das in Brasilien gewesen. Wieder mal kein Merchandise. Ich geh wohl ohne Platten, T-Shirts und Hoody nach Hause. Danach Devendra Banhart - da wollte ich von Anfang an hin. Andere auch. Die Schlange ist riesig. Wir sitzen wieder in der Stadtschouwburg, hören den Geschichten zu und gehen wieder. Bisschen peinlich im Theater einfach aufzubrechen. Aber: die Spacelady ruft. Heute in der Pieterskirk. Wieder ein Höhepunkt.

Mein zweitbestes Konzert des Festivals. Zurück zum Tivoli. Aber unser Glück läuft aus. Indio de Cuica ist zwar interessant, aber wir denken Prostitute sei besser und laufen ins Ekko. Voll. Schlange. Das geht heute öfters so. Viel mehr los als an den anderen Tagen. Also wieder zurück. Viele Leute aber kein Konzert. Wir versuchen das ?. Ist so schrecklich, dass es uns herauskatapultiert. Die Schlange nach draußen ist länger als die rein. Nächster Versuch: Lady Lykez - kein Licht für Epileptiker. Am Schluss singt dann Linn da Quebrade dann mein Lieblingslied des Festivals: "amor amor" .

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Ja, Nein, Widderstein