Kein Glück

aber wenigstens Verstand. Vom Monte Fossa delle Neve nach nirgendwo und zurück.

Milou und ich stehen wieder auf dem Monte Fossa della Neve. Auch ein Lieblingsberg von mir. Allerdings wollte ich heute gar nicht hin – habe mich offensichtlich verfahren.

Die Berge über Sant´Angelo di Brolo und Gioiosa Marea bestechen durch ihren Rundumblick auf die Inseln, den Ätna und fast ganz Sizilien. Außerdem sind sie dem Nebrodi-Gebirge vorgelagert, wodurch das Wetter freundlicher ist. Das lässt sich auch heute feststellen. Hier regnet es; wahrscheinlich schneit es im Nebrodi.

Jedenfalls stehen wir unentschlossen herum. Nachdem ich diese Woche bei meinen Wanderungen vom Pech verfolgt war (erst zu spät losgelaufen, dann wegen Regen abgebrochen), bin ich auf gespannt. Heute sind wir zu spät dran, es regnet und wir sind am falschen Ort.

Außerdem bin ich einsam. Niemand will mit mir wandern. Wenn Milou sich auch noch weigert, war’s das mit Wandern, und ich spiele mit Matthias Online-Schach. Da tue ich wenigstens ihm etwas Gutes.

Von hier oben geht eine meiner Lieblingswanderungen ab. Aber wenn wir schon hier sind, dann versuchen wir wenigstens etwas Neues. Links geht ein schöner Weg ab – kein Asphalt, wenig Spuren, unauffällig.  Auf der Karte ist er als Sackgasse eingezeichnet. Ich bin schon skeptisch. Das Ganze sieht eher wie die Zufahrt zu einem abgelegenen Haus aus. Aber was soll einen einsamen Wanderer schon schrecken. Wir laufen auf dem Weg Richtung Tal. Vor uns taucht überraschend ein kleiner Spitzberg auf – das sieht wie ein Ziel aus.

Also Richtung Berg. An der nächsten Kurve überraschen uns drei Männer. Wenn man vor sizilianischen Männern Angst hat, dann passen diese drei Exemplare ganz gut. Aber Marc hat mir Stockkampf beigebracht und ich habe meinen Wanderstock – kein Problem. Der erste fragt mich, wohin wir wollen. Da ich weder Italienisch kann noch weiß, wohin wir wollen, zeige ich mit dem Stock nach oben. Das überzeugt ihn, und er lässt uns durch. Die zwei anderen schauen zu.

Wir kommen zur nächsten Gabelung direkt am Fuße unseres Spitzberges (der übrigens auf der Karte nicht zu finden ist). Links sieht schwieriger aus und führt dann wohl auch nach oben. Wild ist es und abgelegen. Perfekt für einsame Wanderer, die nie wieder gefunden werden wollen. Nach einiger Zeit muss ich einsehen, dass der Weg weniger nach oben als nach unten geht und bald auch weniger Weg als ein ausgetrockneter Bachlauf ist. Immer noch interessant, aber dann doch zu heftig – hier liegen sogar Skelette rum. Wir drehen um (für Nachwanderer – man kann auch schon beim ersten Skelett umdrehen).

Zurück an der Kreuzung verstecken wir uns vor den Wegelagerern und biegen links ab. Wieder super – durch große Farne bis zur nächsten Abzweigung. Nach links unten sieht es schön und gediegen aus. Gerade aus sieht es schön unzugänglich aus und geht in die falsche Richtung. Wir gehen gerade aus. Wenn schon, denn schon. Jetzt regnet es auch richtig. Nach ein paar Metern wandelt sich der Weg in einen Ziegenpfad an der Seite unseres Spitzberges. Wenn die Ziegen da rauf gekommen sind, schaffen wir es auch (Milou auf jeden Fall). Ab jetzt ist es etwas für Abenteuerlustige. Rechts geht’s ziemlich steil nach unten und im Regen ist das auch nur was für Trittsichere. Aber Steffi trackt mein Handy – das findet man also wieder.

Jetzt bin ich ganz froh, dass ich einsam bin. Manche Erfahrungen möchte man nicht teilen – schon gar nicht mit Freunden.

Uns wird bald klar, dass die Ziegen nicht den Berg rauf, sondern eher an ihm vorbei wollten. Der Weg ist ganz interessant: unwegsam, rutschig und kaum zu erkennen (Für Nachwanderer: ohne GPS könnt ihr es vergessen – aber vielleicht kommt ihr ja auch am Gipfel raus).

Wir kommen auf der Rückseite unseres Spitzberges an einem Zaun raus. Ziel verfehlt – am Berg vorbeigelaufen. Aber wir sind wenigstens in der Zivilisation. Wenn auch eingezäunt. Wir laufen den Zaun zu einem geschlossenen Tor entlang. Also weiter geradeaus. Der Zaun hört auf und unser Weg wird wieder abenteuerlicher. Nach einiger Zeit finden wir dann doch noch eine Art Gipfel. Ein wundervoller Aussichtspunkt. Wir sehen das Meer und wenn wir uns umdrehen, auch unseren Spitzberg. Sieht von hier ganz imposant aus. Vielleicht ist es so besser. Guru Schneider hatte mir sowieso empfohlen, nicht mehr jeden Gipfel zu besteigen. Der Weg sei das Ziel, selbst wenn es für mich ein langer steinerner Weg wäre.

Ich habe allerdings keine Ahnung, welcher Weg das Ziel sein soll. Von hier geht’s nirgendwohin. Also wieder zurück zum Zaun.

Für Nachwanderer: das hier ist ein guter Punkt, um zum Auto zurückzulaufen. Dann hat man eine kurze, aber abwechslungsreiche Wanderung gemacht.

Wir wollen eine Rundwanderung machen und umkehren gilt nicht. Also klettern wir links am Zaun runter und finden schon wieder einen netten Weg, dem wir nach rechts Richtung Heimat folgen. Der Weg ist die typische sizilianische Sackgasse: er endet im Nirgendwo – diesmal in einem dschungelartigen Wald, der mir tatsächlich Respekt abringt. Wir drehen um und folgen dem Weg einfach in die andere Richtung – Hauptsache weg vom Auto.

Mir fällt ein Titel für die Wanderung ein: Mit Mut und ohne Verstand.

In zwei Stunden wird es dunkel und wir laufen gerade erst 90 Minuten. Das schaffen wir locker bis zur Dämmerung.

So löse ich auch mein Alkoholproblem. In Berlin gibt’s Karate, Freunde, Konzerte und wenn einem gar nichts einfällt, bleibt man einfach im Büro. Hier sitze ich auf der Terrasse, rauche, trinke Bier und schau auf´s Meer. Vielleicht ist nachtwandern die neue Routine.

Unser Weg führt so wie es aussieht nach Piraina. Von dort kann man perfekt den Sonnenuntergang genießen. Das würden wir auch noch schaffen. Die Nachtwanderung wäre dann allerdings wirklich lang.

Wir kommen an die nächste Kreuzung – runter ins Tal. Wenn wir unten sind, würden wir einfach rechtsherum wieder zum Auto laufen, stelle ich mir so vor. Auf der Karte ist zwar nichts eingezeichnet, aber hier in Sizilien sind die Karten auch nicht so gut. Es regnet wieder. Mir kommen erste Zweifel – macht nichts. Wir probieren es.

Die nächste Abzweigung gehen wir wieder nach rechts. Voll unsere Richtung – wenn wir Glück haben, ist das der perfekte Rundweg. Ich stelle mir schon vor, wie ich ihn auf Komoot veröffentliche. Oder auch nicht – es ist die nächste sizilianische Sackgasse. Erst ein aussichtsreicher Weg, dann der Abgrund. Wir drehen mal wieder um.

Klar, dass Komoot meine Wanderungen nicht veröffentlicht. Die haben sicher eine schwarze Liste und ich stehe ganz oben.

Jedenfalls muss jetzt eine Entscheidung her – aufgeben oder ins Tal und die zehn Kilometer zum Auto an der Straße entlang. Eigentlich eine einfache Sache. Wer’s nicht im Kopf hat, hat’s in den Beinen. Das hat mich in den 80ern weitergebracht. Jetzt ist auch auf die Beine kein Verlass mehr. Wir geben auf.

Wir gehen den gleichen Weg zurück. Dank GPS finde ich ihn auch. Unsere sizilianischen Freunde sind weg. Aber es gibt doch noch eine Abzweigung, die wir nicht kennen. Wenn wir den Weg links laufen, kommen wir sicher von der anderen Richtung zum Auto. Tolle Idee – bis wir zum Zaun kommen. Umdrehen.

Kurz vor Sonnenuntergang steigen wir ins Auto und hören italienischen Punk.

https://open.spotify.com/playlist/4OpaYJWtNxgyfSKncs7gY4?si=9279b5f108074ec8



Die Wanderung hört sich schlimmer an, als sie ist. Bei besserem Wetter ist sie kurz und aufregend. Wahrscheinlich gibt es auch einen Rundweg. Das schau ich mir im Frühling an, wenn’s nicht so schnell dunkel wird.




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Fluchtversuch